Evangelischer Presseverband für Bayern e.V.

Aus dem Schrank auf die Kanzel

Heft 2/2012 Das Kreuz mit dem Kreuz

Von Tomke Ande

 

So nannte ich mein 'Buch', als ich in Dresden beim Frauenzentrum als 'lebendiges Buch' zu lesen war. Der Titel verrät etwas von meiner Geschichte. 'Im Schrank leben' bedeutet unter Lesben, versteckt zu leben, also die eigene Lebensform zu verschweigen. Das habe ich jahrelang getan. Es war ein anstrengendes und unfreies Leben. Bei jeder Gelegenheit überlegte ich genau, was ich jetzt sagen kann. Wer weiß etwas? Wem kann ich vertrauen?

Zunächst war es vor allem die Angst vor den Kirchenoberen, die mich zum Schweigen brachte. Ich studierte Theologie und wollte Pfarrerin werden. Ich dachte, dass ich das nie werden könnte, wenn die Kirchenleitung von meiner Lebensform erführe. Doch - zum Glück - war da noch die Theologie. Ich entdeckte Gott als eine befreiende Kraft, die das Volk Israel aus der Knechtschaft führt und die verzweifelten Menschen der Psalmen aufrichtet. Ich lernte die Bibel lesen als ein Buch der Befreiung und der Stärkung. Ein Buch, das sowohl der Geschichte ihrer Entstehungszeit verhaftet ist und zugleich zeitlose Glaubenssätze beinhaltet.

Auf die Gestaltung der Beziehung kommt es an

Die Bibel ist heute, wie zu jeder Zeit, der Auslegung bedürftig, es gibt aber auch eindeutige ethische Richtlinien. Sie gelten weiterhin, auch wenn sich unser Alltag seit biblischen Zeiten grundlegend verändert hat. Die zeitbedingten Bilder, in denen Jesus spricht, sind in ihrer Grundaussage nach wie vor aktuell. Aber wir haben keine Hirten mehr, keine Sklavinnen und Sklaven (Mägde und Knechte), hier reitet niemand mehr auf Eseln und die Todesstrafe ist abgeschafft. Doch die Aussagen, dass die Trennung von armen und reichen Menschen zu Ungerechtigkeiten führt und dass Gewalt in jeder Form dem Frieden - dem Schalom - entgegensteht, sind deutlich.

Die Bibel sagt nichts zu Autos, Fernsehern oder zu unseren politischen Parteien. Auch über homosexuelle Lebensformen sagt sie nichts. Als Lebensform war sie damals genauso unbekannt wie das Auto. Was es gibt, sind Bibelstellen, die von homosexuellen Handlungen sprechen. Deshalb muss zwischen 'homosexuellen Handlungen' und lesbischen oder schwulen Lebensformen, die sich an biblisch-ethischen Maßstäben orientieren, unterschieden werden.

Netzwerke stärken

Es kommt auf die Gestaltung der Beziehungen an. Dies gilt gleichermaßen für heterosexuelle wie für homosexuelle Partnerschaften. Gewaltfrei sollen sie sein, gleichberechtigt und verbindlich, in Verantwortung füreinander. Das gilt für alle Beziehungen mit und ohne entsprechende 'Trau'- Scheine.

Diskussionen über gleichgeschlechtliche Lebensformen im Raum der Kirchen verunsichern lesbische Frauen, die im christlichen Glauben verwurzelt sind. Es erschreckt mich, wie oft auf Kirchentagen und in Lesbengruppen die Frage gestellt wird, ob und wie lesbisches Leben mit dem christlichen Glauben zusammengeht. Zeigt es doch, wie sehr er als ein wortgetreues Regelwerk, an das man sich halten muss, verkündet und verstanden wird. Gottes befreiende Kraft und die Größe der Schöpfung gehen dabei verloren.

Die meisten evangelischen Landeskirchen haben mittlerweile die Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare geregelt und lassen auch das gemeinsame Wohnen von gleichgeschlechtlichen Paaren im Pfarrhaus zu. Im Einzelnen ist da noch viel zu tun, aber immerhin haben die Diskussionen in den Landeskirchen begonnen.

Für kirchliche Lesben begannen sie 1985 bei einer Tagung in der evangelischen Akademie in Bad Boll. Diese Tagungen gibt es noch immer. Außerdem sind mehrere Netzwerke für Lesben in den Kirchen entstanden. Hier haben die gesellschafts- und kirchenkritischen Diskussionen, die theologische Arbeit und natürlich die Gottesdienste ihren Platz.

Bei meinem Weg aus dem Schrank auf die Kanzel haben mich Lesbennetzwerke sehr gestärkt. Inzwischen lebe ich als Pastorin in Hamburg und verfolge die Diskussionen um gleichgeschlechtliches Leben im Gründungsprozess der Nordkirche.

In unterschiedlichen Netzwerken begleiten kirchliche Lesben und Schwule diesen Weg theologisch und politisch. Das Ziel ist nichts weiter als die Anerkennung des Paulus-Satzes "...und die Liebe ist die größte unter ihnen".

Tomke Ande ist Pastorin in Hamburg.

www.lesben-und-kirche.de