Evangelischer Presseverband für Bayern e.V.

Einen Frauenbonus gibt es nicht

 

Heft 4/2016 Mordsfrauen

Von Juliane Brumberg

Nicht in Uniform, sondern in einem freundlichen Sommerkleid begrüßt mich Kriminalhauptkommissarin Heike Krämer, deren korrekte Bezeichnung "Beauftragte der Polizei für Frauen und Kinder beim Polizeipräsidium Mittelfranken lautet". Wie alle Kriminalbeamt_innen arbeitet sie in Zivilkleidung, hat aber im uniformierten Schutzdienst angefangen.

efi: In Fernsehkrimis sehen wir fiese Mörderinnen und eine große Anzahl von äußerst engagierten Kriminalkommissarinnen in Aktion, oft auch mit Waffe. Deckt sich das mit der Wirklichkeit? Inwieweit klaffen Fiktion und Realität auseinander?

Heike Krämer: Schon die Spielzeit lässt keine Realität zu, ein Mordfall kann nicht in eineinhalb Stunden abgearbeitet werden. Aus einem Fernsehfilm kann überhaupt nicht hervorgehen, wie komplex oft unsere Tätigkeit ist, wie akribisch wir arbeiten und was juristisch zu beachten ist. Zum Beispiel müssen Zeugen über ihre Rechte belehrt werden. Im Fernsehen sieht es meist so aus, als ob die technische Auswertung sehr unkompliziert verläuft. Wir können jedoch nicht willkürlich auf Daten zugreifen, sondern müssen die rechtlichen Vorgaben einhalten. Außerdem gewinnt man in einem Fernsehfilm oft den Eindruck, dass fast alle Mitarbeiter einer Fachdienststelle nur an einem aktuellen Fall arbeiten. In Wirklichkeit sind immer mehrere Fälle gleichzeitig zu bearbeiten.

Wie sieht der normale Arbeitsalltag einer Polizistin aus?

Das hängt von dem Tätigkeitsfeld ab. Die Polizeiarbeit in einer Schutzpolizeidienststelle sieht anderes aus als bei der Verkehrs- oder Kriminalpolizei. Neben dem Bürgerkontakt gibt es auch viel Büro- und Schreibarbeit, weil so gut wie alles schriftlich dokumentiert werden muss. Die kriminalpolizeiliche Tätigkeit umfasst die Vernehmungs- und Ermittlungstätigkeit, die Erhebung von Personen- und Sachbeweisen. Bei Betrugsdelikten liegen uns überwiegend Sachbeweise vor, bei Mordfällen werden vermehrt Vernehmungen geführt. Im medialen Zeitalter nimmt auch die Erhebung von Sachbeweisen in den sozialen Netzwerken immer größeren Raum ein. Die polizeiliche Arbeit ist sehr facettenreich und nicht so plakativ zu beschreiben, wie es Fernsehfilme glauben lassen.

Seit 25 Jahren: Frauen im Polizeidienst

Wie groß ist der Anteil von weiblichen Polizistinnen bei der Polizeidirektion Mittelfranken bzw. in Bayern?

2015 haben wir 25jähriges Jubiläum gefeiert, denn seit 1990 gibt es Frauen im uniformierten Dienst. In Bayern sind von 30 300 Vollzugsbeamten rund 5000 Frauen, das sind ca. 16 Prozent. Fakt ist, dass sie immer noch in der Minderheit sind.

In welchen Bereichen finden sich die meisten von ihnen?

Im uniformierten Schutzdienst. Bei der Polizei gibt es drei Qualifikationsebenen. Die Mehrzahl der Frauen arbeitet in der zweiten Qualifikationsebene (mittlerer Dienst). 2015 waren es ungefähr 3700 Frauen. In der dritten Qualifikationsebene (gehobener Dienst) arbeiten rund 1200 Frauen. In der vierten Qualifikationsebene sind mit 2 Prozent nur sehr wenige Frauen vertreten. Der Frauenanteil bei den Einstellungen liegt mittlerweile zwischen 25 und 30 Prozent. Die Polizeibeamtinnen sind bei der Schutzpolizei grundsätzlich mit allen Deliktbereichen befasst. Die Bandbreite reicht also vom Ladendiebstahl, der Körperverletzung, dem Verkehrsunfall, dem Raub, bis hin zum Tötungsdelikt. Von Einsatz zu Einsatz sind sie mit unterschiedlichen Situationen konfrontiert, sei es dass sie beispielsweise bei einer Demonstration eingesetzt sind, zu einer hochemotionalen familiären Auseinandersetzung gerufen werden oder Anfragen der Bürger zu Verkehrsverstößen beantworten. Die Kriminalbeamtinnen dagegen sind spezialisierter, je nach ihrer Tätigkeit in einem Fachkommissariat.

Wie ist es mit Karrierechancen von Frauen im Polizeidienst?

Einen Frauenbonus gibt es bei uns nicht, also auch keine speziellen Förderprogramme für Frauen in Führungspositionen.

Gebrauchen Frauen oft ihre Schusswaffe?

Das ist eine Frage der Einsatzsituation und nicht die Frage, ob Mann oder Frau. Wir haben alle Schusswaffen und es gelten für alle die gleichen Voraussetzungen.

Was wird an körperlicher Fitness von Frauen erwartet?

Grundsätzlich gelten für Frauen die gleichen physischen Anforderungen wie für Männer. Die Schiessprüfung ist für Frauen und Männer gleich, ebenso das polizeieinsatztaktische Training. Wer will kann dann noch das Europäische Leistungssportabzeichen machen.

Kommen wir jetzt zu den Tatverdächtigen. Wie groß ist der Anteil von Frauen und von Männern?

Rund 25 Prozent der Tatverdächtigen in Mittelfranken waren in den letzten Jahren weiblich.

Was sind es für Delikte, die Frauen begehen?

Grundsätzlich sind sie in allen Deliktgruppen vertreten. Jedoch gibt es schon vereinzelte Straftaten, bei denen keine Frauen als Tatverdächtige erfasst sind. Letztes Jahr waren Frauen beispielsweise nicht an Raubüberfällen auf Geldinstitute oder bei Diebstahl von Betäubungsmitteln aus Apotheken in Mittelfranken beteiligt.

Frauen begehen jedoch auch Straftaten, die schwer vorstellbar sind. Wir haben Mütter, die ihre eigenen Kinder misshandeln und vernachlässigen. Der Frauenanteil bei häuslicher Gewalt, also Gewalt in Paarbeziehungen, ist mit rund 20 Prozent eher gering. Häusliche Gewalt ist ein "Phänomen-Bereich" der mehrere Straftaten, auch einen Mord oder Totschlag beinhalten kann.

In den letzten fünf Jahren betrug der Anteil von tatverdächtigen Frauen bei Tötungsdelikten zwischen 20 und 25 Prozent.

Großes Dunkelfeld bei häuslicher Gewalt

Wie ist es nun mit den Opfern. Wie ist da das Verhältnis zwischen Frauen und Männern?

Das ist sehr unterschiedlich. Bei häuslicher Gewalt sind 80 Prozent der Betroffenen Frauen, bei Tötungsdelikten sind die Opfer überwiegend männlich.

Was können Sie über die Dunkelziffern bei Sexualdelikten sagen, wenn Frauen sich schämen und eine Gewalttat gar nicht erst anzeigen?

Das ist sehr spekulativ. Ich gehe davon aus, dass das Dunkelfeld bei innerfamiliären Taten größer ist, als wenn die Tat durch einen Fremdtäter begangen wird. Bei sexuellem Missbrauch an Kindern gehen wir davon aus, dass nur einer von zwanzig Fällen bekannt wird.

Was können Sie tun, dass Frauen, die zu Opfern geworden sind, bei der Anzeigeerstattung und Zeugenaussage nicht das Gefühl haben, erneut zu Opfern zu werden?

Dazu möchte ich vorausschicken: Bereits 1987 ist die Stelle der Beauftragte für Frauen und Kinder bei der bayerischen Polizei funktionalisiert worden. In Mittelfranken arbeite ich mit einer Kollegin zusammen. Als Beauftragte der Polizei für Frauen und Kinder versuchen wir über unsere Beratungstätigkeit vor allem auch Transparenz für die polizeiliche Arbeit zu vermitteln. Meine Kollegin und ich führen rund 400 Beratungsgespräche.

Wir unterstützen die Betroffenen, indem wir ihnen vorher genau den Ablauf des Strafverfahrens erläutern und sie darüber informieren, dass sie eine Vertrauensperson zur Vernehmung mitbringen dürfen. Auch zeigen wir die rechtlichen Möglichkeiten auf und verweisen ergänzend an externe Institutionen und Beratungsstellen, beispielsweise Opferhilfeeinrichtungen mit psychosozialer Prozessbegleitung. Im Rahmen der Beratungstätigkeit habe ich festgestellt, dass eine große Verunsicherung herrscht, wenn ein Verfahren eingestellt wird. Daher versuchen wir, im Vorfeld den Geschädigten zu erläutern, warum ein Verfahren eingestellt werden kann und nicht unbedingt die Folge mangelnder Glaubwürdigkeit ist. Außerdem halten wir Dienstunterrichte bei den Polizeiinspektionen in Mittelfranken, um die Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit den betroffenen Geschädigten über das Thema Häusliche Gewalt zu sensibilisieren.

Wir haben in Mittelfranken bei der Kriminalpolizei die Möglichkeit, die Aussage einer Geschädigten mittels Videovernehmung aufzuzeichnen, um beispielsweise mögliche Mehrfachvernehmungen, insbesondere bei Gewalttaten zu reduzieren.

Werden weibliche Opfer eher von Polizistinnen vernommen?

Das probieren wir, wenn die Geschädigte den Wunsch äußert. Aber es ist nicht immer möglich und hängt von der Personalbesetzung ab.

Welche Rolle spielt da die Beauftragte der Polizei für Frauen und Kinder?

Wenn die Geschädigten, egal ob Frau oder Mann, bei uns Straftaten schildern, müssen wir grundsätzlich die zuständige Dienststelle informieren, die die Sachbearbeitung übernimmt. Die Vorgehensweise besprechen wir mit den Geschädigten. In einem akuten Notfall raten wir dazu, den Notruf 110 zu wählen, der rund um die Uhr besetzt ist.

Noch einmal ganz konkret zu Ihnen: Was hat Ihr Beruf mit den Kriminalkommissarinnen, die im Fernsehen gezeigt werden gemein? Was empfinden Sie, wenn Sie Fernsehkrimis sehen?

Ich habe den Polizeiberuf ergriffen, um Straftaten aufzudecken, Täter zu überführen, Opfern zu helfen und zukünftige Straftaten zu verhindern. Darin sehe ich eine Gemeinsamkeit zu den Kriminalkommissarinnen im Fernsehen. Ich würde mir wünschen, dass Fernsehkrimis mit Mordopfern keine Massenware wären und die Inhalte auch kindgerechter gestaltet wären, insbesondere auch im Hinblick auf die Sendezeiten.