Evangelischer Presseverband für Bayern e.V.

Mit dem Rollstuhl bis zur UNO

 

Heft 2/2011 Selbst ist die Frau

Von Maria Börgermann-Kreckl

 

Die Leiterin der Erlanger Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung (ZSL), Dinah Radtke, engagiert sich vor Ort für Behinderte, beteiligte sich auf internationaler Ebene an Verhandlungen für ihre Rechte - und kam bis zur UNO.

Wenn Außenstehende die Rollstuhl fahrende Dinah Radtke erleben und sie über ihre Anliegen reden hören, mögen sie erstaunt sein. Ihr weites inhaltliches Spektrum und, wenn sie im Gespräch einfließen lässt, wie es in Winnipeg war oder was in Südkorea verhandelt wurde, zeigen ihre Tatkraft und gleichzeitige Besonnenheit. Dahinter steht eine lange, mühevolle Entwicklung. Seit ihr bewusst wurde, dass sie anders ist, also seit ihrer Kindheit, kennt sie als Grundgefühl ihres Daseins das Ausgegrenzt-Sein. Direkt nach dem Krieg, als Dinah Radtke geboren wurde, gab es für die Eltern behinderter Kinder keine Unterstützung. Ihre Schulbildung gestaltete sich extrem schwierig. "Meine Schwestern konnten in die Schule gehen, bekamen kulturelle und musische Bildung, und ich wurde wie eine höhere Tochter behandelt, die zu Hause bleibt." Denn ab dem 12.Lebensjahr konnte sie wegen ihrer Behinderung keine Schule mehr besuchen. Mit großer Energie und viel Initiative bildete sie sich über das Telekolleg bis zur mittleren Reife weiter. Aber: "Ich wusste, ich will mehr" und so kristallisierte sich als umsetzbarer Berufswunsch die Übersetzerin heraus. Realisierbar war das für die Rollstuhlfahrerin nur an der Uni in Erlangen. Ein wesentlicher Schritt ins selbst bestimmte Leben war somit das Studium der Sprachen und ihr Abschluss als staatlich geprüfte Übersetzerin für Englisch und Französisch.

Ausgegrenzt und isoliert

Mindestens so wichtig war, dass sie mit 23 Jahren ihre erste eigene Wohnung beziehen konnte. Aber sie fühlte sich gleichzeitig sehr isoliert. "Die hatten alle Angst vor mir, der Impuls musste immer von mir ausgehen, aber auch ich hatte Angst und verhielt mich den Nichtbehinderten gegenüber sehr unterwürfig". So benötigte sie, um mit dem Rollstuhl die Zugänge zur Uni zu bewältigen, immer die Hilfe Nichtbehinderter, musste also bitten, fragen, jeden Schritt planen und organisieren.

Schließlich lernte sie andere behinderte Studentinnen und Studenten kennen und gründete im Jahr 1977 mit ihnen die erste studentische Behinderteninitiative. Angeregt durch die Ideen der Frauenbewegung, organisierte Dinah Radtke Gesprächskreise speziell für behinderte Frauen. Dabei wurde immer deutlicher, dass die Gesellschaft Verantwortung für alle - auch die behinderten - Mitglieder übernehmen muss, aber die eigenen Interessen von Behinderten selbst vertreten werden sollten. Das führte 1988 zur Gründung der ZSL e.V., an der Dinah Radtke maßgeblich beteiligt war und nun seit 1997 die Leitung der Beratungsstelle ausübt. Vom Dachverband der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL), wurde eine Ausbildung nach der Methode Peer Counseling, Behinderte beraten Behinderte, konzipiert. Dinah Radtke beteiligte sich an der Planung und war lange als Ausbilderin tätig.

Im ZSL arbeiten vor allem behinderte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. In der Assistenzorganisation wird die individuelle Betreuung geplant und sichergestellt und die Beratungsstelle unterstützt Ratsuchende aus dem Großraum Erlangen. Da geht es von der Finanzierung des Rollstuhls oder der Wohnung bis zu persönlichen Themen wie Ablösung aus dem Elternhaus, Partnerschaft, Krankheit, Älterwerden und Sterben. Besonders wichtig ist es für Dinah Radtke, die doppelte Diskriminierung von behinderten Frauen zu diskutieren und öffentlich zu machen, "denn das Frausein wird im Schatten der Behinderung oft übersehen".

Organisation ist notwendig

In der ISL, die heute ihren Sitz in Berlin hat, wurde sie als Beiratsmitglied zuständig für internationale Angelegenheiten. Dies führte sie zum Disabled Peoples International (DPI), der Weltorganisation Behinderter mit Sitz in Kanada. DPI vertritt als Menschenrechtsorganisation Landesverbände aus 140 Mitgliedsstaaten, der es erfolgreich gelingt, Menschen mit Behinderungen eine gemeinsame starke Stimme zu geben. Dieser Verband leistete in Europa Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit In speziellen Netzwerken wurde die Gewalt gegen behinderte Frauen problematisiert.

"So führte mich mein Weg zur UNO". Denn obwohl weltweit mehr als 650 Mio. Menschen mit Behinderungen leben, kamen sie in den Allgemeinen Menschenrechtserklärungen und vielen Dokumenten der UNO nicht vor, behinderte Frauen schon gar nicht. Erstmals wurden sie 1995, nach der Weltfrauenkonferenz in Peking, erwähnt. Dies war das Ergebnis eines langen Verhandlungsmarathons, an dem u.a. Dinah Radtke - sie war ehrenamtlich tätig als Vorsitzende des Frauenkomitees und im Vorstand von DPI Europa - engagiert teilnahm. Aber das reichte nicht. "Wir brauchten eine UNO-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung und dabei sollten die Frauen explizit sichtbar werden" beschreibt sie ihre Ziele.

Dies gelang letztlich nach weiteren, langen Verhandlungen; 2006 wurde die Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen von der UNO-Vollversammlung abgesegnet. Sie muss nun in den Mitgliedsländern ratifiziert werden - Deutschland hat dies getan. Nun folgt die mühselige Arbeit der konkreten Umsetzung. Dazu berichtet Deutschland alle zwei Jahre an die UNO. Aber auch die Organisationen der Menschen mit Behinderungen können Berichte abgeben, in denen Ihre Sicht der Dinge geschildert wird - die so genannten "Schattenberichte". Auch hier werden die Erfahrungen von Dinah Radtke einfließen.