Evangelischer Presseverband für Bayern e.V.

Unübersichtlich aber unverwüstlich - Familie heute

 

Heft 3/2016 Familien(zu)stände

Von Insa Schöningh

 

Was ist heute Familie? Das hängt ganz davon ab, wen man fragt: Menschen, die in einer Patchworkfamilie leben, werden anders antworten als ein alleinerziehender Vater, ältere Menschen anders als junge, Kinder anders als Erwachsene. Die Unterschiede sind äußerlich nicht unbedingt erkennbar. Eine Patchworkfamilie sieht genauso aus wie eine Familie mit eigenen oder Adoptivkindern. Ob die Eltern miteinander verheiratet sind oder nicht ist nicht ersichtlich. Die eventuell. weiteren Elternteile sind auch oft nicht zu sehen, was nicht heißt, dass sie nicht da wären oder nicht zur Familie gehörten - zumindest aus der Sicht des Kindes gehören sie dazu. Jakob in der Zeichnung hat jedenfalls keine einfache Antwort auf die Frage nach seiner Familie.

Wenn man an ein Familienfest denkt, erweitert sich der Kreis der Familie um Großeltern, Halbgeschwister, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins. In manchen Familien sind Familienfeste schon deshalb etwas Besonderes, weil die Familienmitglieder weit voneinander entfernt wohnen und sich nur zu derartigen Gelegenheiten sehen. Familie ist etwas ziemlich schillerndes und veränderlich je nach Kontext. Familie ist auch etwas Subjektives. Die vertrauten Menschen, die man selbst dazu zählt, sind Familie.

Familie hat jede und jeder

Schon immer hat es eine große Vielfalt an Familienformen gegeben, das ist kein Merkmal heutiger Zeit und schon gar keine Verfallserscheinung. Im Gegenteil, es ist ein Zeichen für die Unverwüstlichkeit dieser Lebensform. Denn: Familie gibt es immer. Familie hat jede und jeder.

Was in Familien zählt, ist nicht die äußere Form, sondern dass was die Mitglieder miteinander verbindet: Geborgenheit, Vertrautheit, Liebe, manchmal auch Streit. Verlässlichkeit und Verantwortung, sichern den Zusammenhalt über Generationen hinweg; jedenfalls in funktionierenden Familien und das sind die allermeisten. Durch viele Untersuchungen ist belegt, dass gerade auch Jugendlichen Familie sehr wichtig ist, obwohl die Jugendphase doch durch Konflikt mit und die Ablösung von den Eltern gekennzeichnet ist. Ebenso belegt ist das gute Verhältnis der Generationen miteinander.

Die Austauschbeziehungen der Generationen untereinander sind umfangreich: z. B. Großeltern, die in Krankheits- und anderen Notfällen die Enkel betreuen oder die beachtliche finanzielle Unterstützung der älteren Generation für die Kinder- und Enkelgeneration. Im höheren Lebensalter ändern die Austauschbeziehungen dann wieder die Richtung:

Die meisten alten Menschen werden irgendwann für kurze oder auch längere Zeit pflegebedürftig. Das geschieht gegenwärtig zu 70 % in der eigenen Häuslichkeit.Das kann ein altes Paar sein, wo der eine für die andere sorgt oder umgekehrt, das kann ein alleine lebender Mensch sein, der durch Kinder und/oder andere Verwandte gepflegt wird, nicht selten auch in Kombinaton mit einem ambulanten Pflegedienst. Die Sorge für die ältere Generation ist eine wenig beachtete Leistung von Familien und eine überaus wichtige Zukunftsaufgabe. Fürsorge der Generationen untereinander gibt es nicht nur von Eltern gegenüber den Kindern, sondern in sehr hohem Maße auch der erwachsenen Kinder gegenüber den alten Eltern. Denn fast alle Menschen möchten so lange wie möglich selbstständig in ihrer eigenen vertrauten Umgebung leben. Mit zunehmend weniger Kindern als die heutige alte Generation sie hat und gleichzeitig stetig sich verlängernder Lebensdauer wird das schon in naher Zukunft eine Herausforderung.

Verantwortung für die Familie übernehmen ist eine Herausforderung

Den bisher beinahe selbstverständlichen „Pflegedienst“ in Gestalt von Töchtern und Schwiegertöchtern, u. U. zu Lasten ihrer eigenen Altersversorgung, wird es allerdings immer weniger geben und er würde auch nicht mehr ausreichen. Es müssen also andere Lösungen gefunden werden. Ein Ansatz ist, Männer stärker an Pflegeaufgaben zu beteiligen. Insgesamt ist vermutlich mehr Raum für Sorgeaufgaben für beide Geschlechter und mehr Flexibilität zwischen familiären und beruflichen Aufgaben nötig, z. B. ähnliche Unterstützungsregelungen für Pflegende wie für die Elternzeit.

Familie ist für vieles zuständig und vieles wird von Familien erwartet. Die meisten Familien sind auch bereit, die Verantwortung für ihre Angehörigen zu übernehmen. Aber es gibt viele Gründe, warum sie damit auch mal überfordert sein können oder auch nur Rat, Vergewisserung und Unterstützung benötigen. Es ist die Aufgabe des Gemeinwesens insbesondere an diesen Bruchstellen und in schwierigen Situationen zu unterstützen. Finanzielle Abfederung für belastende Lebenssituationen ist dabei hilfreich, mindestens ebenso wichtig sind aber gut zugängliche Beratungs- und Unterstützungsangebote.

Dr. Insa Schöningh ist Bundesgeschäftsführerin der evangelischen arbeitsgemeinschaft familie (eaf). Die eaf ist der familienpolitische Dachverband in der EKD: www.eaf-bund.de