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Heft 4/2013 Musen und Museen

'Spenderkinder' müssen wissen, wo sie herkommen

Von Cornelia Coenen-Marx

"Kinder sind eine Gabe des Herrn", stand über meiner Geburtsanzeige. Das war lange vor der Erfindung der Pille, vor Familienplanung und Geburtenkontrolle. Ich war ein Wunschkind und eigentlich sollten fünf weitere folgen; aber der Zeitpunkt war nicht so günstig - meine Mutter war mitten im Studium. Und trotzdem: "Kinder sind eine Gabe des Herrn", meinten meine Eltern und richteten ihr Leben darauf ein. Heute sind die meisten Frauen um die dreißig, wenn das erste Kind geboren wird. Keine Schwangere kann und will mehr ihre Ausbildung oder den Berufseinstieg unterbrechen. Zugleich aber leiden immer mehr Paare darunter, dass ihr Kinderwunsch sich nicht erfüllt, weil "Mister Right" noch nicht aufgetaucht ist und die Zeit knapp wird für eine natürliche Schwangerschaft, für eine Familiengründung in stabiler Partnerschaft.

Mehr als die Hälfte der Paare über 35 nutzen inzwischen Methoden der künstlichen Befruchtung. Reproduktionsmedizin wird längst von Versicherungen bezahlt und soll nun noch länger finanziert werden. Besonders Frauen nehmen dabei viele Belastungen in Kauf - psychische und physische. Und nicht nur in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften spielen dabei auch Samenspenden eine wichtige Rolle. Etwa 100.000 Kinder wurden in Deutschland seit den 70er Jahren durch künstliche Befruchtung mit den Samen anonymer Spender gezeugt. Hinzu kommen Eispenden und Leihmutterschaften, die hierzulande nicht erlaubt sind. Wie man früher zur Abtreibung nach Holland fuhr, reist man heute nach Spanien, um eine Leihmutter zu finden; und seit der Euro-Krise ist die Zahl der Frauen gewachsen, die das Geld dringend brauchen. Ohne Frage - mit dem Kinderwunsch so vieler Paare, mit der Sehnsucht nach Familiengründung werden auch Geschäfte gemacht. Und man kann sehr wohl fragen, ob das Wort 'Spende' in diesem Zusammenhang nicht beschönigend ist.

Nicht Spende, sondern Geschäftsmodell

"Das Geschäftsmodell" des Essener Zentrums für Reproduktionsmedizin, so ein Sprecher des Oberlandesgerichts Hamm im Februar dieses Jahres, "beruhe auf Anonymität" - den leitenden Arzt zur Auskunft zu zwingen, sei ein Einschnitt in seine rechtlich geschützte Sphäre. Genau das aber wollte die Klägerin Sarah P. erreichen. Dabei ging es ihr nicht um Unterhalts- oder Erbansprüche. Sie wollte nur wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. Und was das betrifft, gab ihr das Oberlandesgericht in seinem Urteil vom 6. Februar Recht. Denn das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Kindes umfasst nach den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts von 1988 und 1989 auch das Recht, seine biologische Abstammung zu kennen. Aber auch wenn Sarah und andere hier in ihren Rechten gestärkt wurden: das Urteil ist offen für eine Revision. Und so oder so hat der Gesetzgeber noch viel Arbeit vor sich. So fordert die Vorsitzende des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch, Petra Thorn, eine gesetzliche Regelung des Auskunftsrechts, eine Freistellung der Spender von Unterhalts- und Erbansprüchen und eine zentrale Dokumentation der Daten mit einer Aufbewahrungsfrist von mindestens 30 Jahren.

Spenderväter und Leihmütter bereits in biblischen Zeiten

Die jüngste Orientierungshilfe der EKD zum Thema Familienpolitik 'Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken' beschreibt, wie vielfältig familiäres Zusammenleben sich heute gestaltet. Neben dem traditionellen Familienmodell gehören Patchwork und Adoptionsfamilien genauso dazu wie Alleinerziehende, Regenbogenfamilien- und eben auch Familien mit 'Spenderkindern'. In allen diesen Fällen sind neben den Eltern, mit denen die Kinder leben, auch Dritte beteiligt - in der Regel leibliche Väter oder Mütter aus der Herkunftsfamilie. Auch die Bibel kennt übrigens ganz unterschiedliche Familienkonstellationen; 'Spenderväter' gehören genauso dazu wie Leihmütter, damals oft Mägde, die unfruchtbaren Frauen zu Kindern verhalfen. So gebar Bilha, die Leibmagd von Jakobs Frau Rahel, ihr zwei Söhne, Dan und Naphtali. Und Silpa, die Leibmagd seiner Frau Lea, gebar an ihrer Stelle Gad, bevor sie selbst mit Issaschar schwanger wurde. Das Dankgebet, dass Lea nach der Geburt formuliert, zeigt: alle ihre Kinder versteht sie als Gottesgeschenk - auch die Kinder der Magd. Bei allen Konflikten, die auch in dieser Geschichte eine Rolle spielen - es geht um Unfruchtbarkeit, Neid und Konkurrenz - es gab Regeln, die das Zusammenleben in der Großfamilie möglich machten: Wurde das Kind auf dem Schoß der Herrin geboren, dann wurde es ihr zugerechnet.

Unerfüllter Kinderwunsch ein altes Thema

Diese alte Familiengeschichte mag auf den ersten Blick verwirren. Aber sie zeigt: Der unerfüllte Kinderwunsch ist durchaus kein modernes Thema. Und die Frage nach einem guten Umgang damit auch nicht. Wenn der ersehnte Nachwuchs ausbleibt, weil der Partner fehlt oder weil die Karriere lange vorging, wenn in einer homosexuellen Partnerschaft gemeinsame Kinder fehlen, dann bleibt oft eine Leerstelle im eigenen Leben. Das kratzt die Identität an, das berührt auch Schuldfragen. Bin ich selbst, ist mein Partner nicht in der Lage, einem Kind das Leben zu schenken? Warum ist es für Frauen so schwer, Kinder und Karriere zu vereinbaren? Hat die Wirtschaft, hat der Staat versagt? Und ist es richtig, dass homosexuelle Paare noch immer nicht gemeinsam adoptieren können? Wie verzweifelt Menschen sein können, wenn sich der eigene Lebenstraum nicht erfüllt, wie schwierig es aber auch sein kann, Lösungen zu finden, das zeigt schon die Bibel. Der Hinweis, es gebe "kein Recht auf ein eigenes Kind" kann für die Betroffenen durchaus zynisch klingen. Schon Hanna, die biblische Mutter Samuels, die lange keine Kinder bekam, hat ihr Schicksal als Kränkung erfahren. Die Bibel erzählt von ihren verzweifelten Gebeten, von ihrem Ringen mit Gott, wie später von ihrem Lobgesang.

Kinder möchten wissen, wo sie herkommen

Aber nicht nur kinderlose Paare ringen mit ihrem Schicksal. Das Urteil des OLG Hamm zeigt: Das gilt auch für Kinder. Kinder möchten wissen, wo sie herkommen und warum sie in der Welt sind. Kinder wollen ihre Eltern kennen, selbst wenn sie nicht bei ihnen leben - die biologischen wie die sozialen Eltern, die Patchworkmutter wie den Samenspender. Nach Schätzungen des Vereins 'Spenderkinder' erfahren aber nur fünf bis zehn Prozent der künstlich gezeugten Kinder von ihren Eltern, dass sie mit einer Samenspende gezeugt wurden. Dabei kann es zu einem Identitätsbruch führen, wenn ein Mensch erst im jugendlichen Alter erfährt, dass der eigene Vater nicht der Erzeuger ist, so Petra Thorn vom Beratungsnetzwerk 'Kinderwunsch'. Was wir im Blick auf Adoptionen schon vor längerer Zeit gelernt haben, das gilt deshalb auch hier: Liebevolle Offenheit und ehrliche Zuwendung sind die besten Ratgeber. Und wer sich bei seinen sozialen Eltern gut aufgehoben weiß, kann auch mit dieser Situation gut umgehen. Familien leben von Verbindlichkeit, Verantwortlichkeit und Verlässlichkeit, betont die neue EKD-Orientierungshilfe. Dabei bedeutet Verantwortlichkeit eben auch, dass Eltern sich den Konflikten stellen, die mit den Fragen des Kindes verbunden sein können. Sie werden beantworten müssen, welche Herkunft und welche Geschichte ihr Kind hat - und warum sie wollten, dass es zur Welt kommt. Wo in einer solchen Geschichte das Ja zum Kind spürbar wird, da wird auch das Kind am Ende ja sagen - zum Leben und zu seiner Herkunft. So betrachtet, gilt das Wort über meiner Geburtsanzeige auch heute noch: "Kinder sind eine Gabe des Herrn". Das gilt für alle Kinder. In jeder Familie, wie schon Leas alte Geschichte zeigt. Damit aber verantwortete Elternschaft und Verlässlichkeit in der Familie gelingt, brauchen wir gute Regeln. Ich wünsche mir deshalb, dass der Gesetzgeber die Samenspende bei der künstlichen Befruchtung bald klar und verbindlich regelt - damit möglichst alle Eltern offen mit ihren Kindern darüber sprechen können.

Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx leitet das Referat Sozial- und Gesellschaftspolitik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

EKD-Orientierungshilfe 'Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken': www.ekd.de/download/20130617_familie_als_verlaessliche_gemeinschaft.pdf