Die Bruchstücke des Lebens wieder zusammen setzen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die Bruchstücke des Lebens wieder zusammen setzen

Rettungsexperte: Flutopfer benötigen professionelle seelische Hilfe

Von Heinz Brockert (epd)

Das Bergbahnunglück in Kaprun, der 11. September in New York City, das ICE-Unglück von Eschede und jetzt die Flut-Katastrophe in Asien - der Münchner katholische Diakon Andreas Müller-Cyran hat bei allen diesen KatasstrophenHilfe geleistet. Er hat einen vorbildlichen Krisen-Interventions-Rettungsdienst (KIT) in der Münchner Region mit aufgebaut, der den Opfern von Unfällen und Katastrophen auch seelische Unterstützung vermittelt. Das Seebeben vor Sumatra mit verheerenden Flutfolgen in vielen Ländern am Indischen Ozean sei eine Katastrophe besonderer Art gewesen, weil "niemand mit einem Finger auf einen Schuldigen zeigen kann", sagte Müller-Cyran am Freitag vor der Presse in München.

Entsprechend groß sei die Ratlosigkeit bei den Betroffenen wie bei den Mitleidenden und den medialen Zuschauern rund um den Globus. Scheinbar fest gefügte Strukturen des Lebens gehen in die Brüche. Die Bruchstücke zu einem neuen Bild der Welt und des Lebens zusammen zu fügen, sei eine Aufgabe, die eine lange Zeit in Anspruch nehme. Diejenigen aber, die direkt von der Katastrophe betroffen sind, benötigen nicht nur Spenden und allgemeine Anteilnahme, sondern auch professionelle seelische Hilfe, betont der ausgebildete Rettungssanitäter.

Die Bundesregierung bedient sich bei ihrem Engagement im Katastrophengebiet der Hilfe von KIT-München. Alle Teilnehmer einer Pressekonferenz in der Münchner Universität, darunter international anerkannte Trauma-Experten, forderten den flächendeckenden Ausbau von psychologischen Krisen-Teams, um für größere Katastrophen vom ersten Augenblick an gerüstet zu sein. "Es ist ein Skandal, dass ein Großteil der Arbeit bisher nur ehrenamtlich abläuft", sagt Müller-Cyran. Ehrenamtliche leisteten vorbildliche Arbeit bis an die Grenzen ihrer Kraft. Aber sie benötigten Koordination, Anleitung und oft genug auch müssten sie nach den körperlichen und seelischen Strapazen selbst gestützt und aufgefangen werden.

Auch für ihn sei das wichtig, betont der professionelle Helfer. Der Telefonkontakt zum Trauma-Zentrum der Münchner Universität, der Austausch mit anderen Helfern, der SMS-Kontakt mit Freunden und Verwandten - all dies trage zur eigenen Stabilität in Augenblicken großer Selbstaufopferung bei. Er sei aus dem Katastrophengebiet in Asien mit der Gewissheit zurück gekehrt, nicht wenigen Menschen praktisch geholfen und noch viel mehr seelisch gestützt zu haben.

(Artikel vom 07.01.2005)