Die Kirche war kein Motor in der 68er-Zeit
Die Kirche war kein Motor in der 68er-Zeit
Die Anstöße der Emanzipationsbewegung spät übernommen (Korrespondentenbericht)
Von Heinz Brockert (epd)
Welche Folgen hatte die 68er-Zeit für Kirche und Theologie? Die Evangelische Stadtakademie in München hatte am Montagabend kirchliche Persönlichkeiten zu einem Rückblick eingeladen. Quintessenz: Die Kirchen waren nicht Motor der Emanzipationsbewegung, haben aber - später als andere gesellschaftliche Organisationen - vom kulturellen und politischen Aufbruch der zweiten Nachkriegs-Generation profitiert.
Der Theologe und Politologe Hans-Eckehard Bahr sieht den bleibenden Wert der 68er-Zeit in den Anstößen für die Friedens-, Ökologie- und andere Basisbewegungen. Keine Land der Welt habe seinen jungen Menschen derart konsequent die Möglichkeit eröffnet, den Dienst mit der Waffe abzulehnen und stattdessen sozial tätig zu sein wie die Bundesrepublik Deutschland. Die Mitte Europas sei in der Folge weltweit als Friedensraum und nicht mehr als Bedrohungsquelle unter dem Motto der sozialliberalen Koalition "Wandel durch Annäherung" wahrgenommen worden.
Deutschland habe sich, zuletzt nach der Vereinigung, mit jenen Ländern, die es unter der Nazi-Diktatur überfallen habe, aussöhnen können und damit ebenfalls weltweit ein Friedenszeichen gesetzt. In Deutschland selbst habe die 68er-Revolution den Team-Geist in Hochschulen und anderen gesellschaftlichen Bereichen "Salonfähig" gemacht, gefördert und gewaltiges kreatives Potenzial freigesetzt.
Die frühere Kirchentagspräsidentin und heutige Kämpferin gegen den internationalen Frauenhandel, Eleonore von Rotenhan, sieht in der Ablösung einer ganzen Generation von alten, rückwärts gewandten, Ideologie geneigten Männern einen bleibenden Verdienst der 68er. "In der Kirchen wurde schlagartig deutlich, welche Kompetenz die Laien haben." Die deutschen Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen überwanden ihre Nabelschau und übernahmen Weltverantwortung.
Marianne Pflüger, eine der ersten ordinierten Pfarrerinnen in Bayern und damalige Studienleiterin im Zentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal, formulierte: "Irrationaler Autoritarismus wurde nach und nach durch sachbezogene Autorität abgelöst." Besonders wichtig sei es gewesen, die überkommene verklemmte Sexualmoral aufzubrechen und als Teil des Unterdrückungsmechanismus autoritärer Systeme zu entlarven. Befreiung und Hoffnung auch in praktischen Lebensfragen seien als Kern der Bibel entdeckt, der "Bruder Jesus" konsequent auf der Seite der Unterdrückten und Unterprivilegierten gesehen.


