Geld für die Familie und der Traum vom eigenen Glück
Geld für die Familie und der Traum vom eigenen Glück
"Marikas" betreut junge Männer aus der Münchner Stricher-Szene (Korrespondentenbericht)
Von Heinz Brockert (epd)
Seiner Familie in einer kleinen Stadt in der Slowakei hat Tom (Name geändert) erzählt, dass er in einer Restaurantküche in München arbeitet. Auch seine Frau, mit der einen einjährigen Sohn hat, glaubt das. Tom schickt regelmäßig Geld nach Hause und besucht die Familie in Abständen. Tatsächlich verdient er seinen Lebensunterhalt auf dem Strich. Er hat ein paar Stammfreier, die ihn anrufen, wenn sie seine Dienste in Anspruch nehmen wollen, und er besucht Szenebars, um zusätzliche Geschäfte zu machen.
Den Beratern von "Marikas", einer psychosozialen Beratungsstelle des Evangelischen Hilfswerks München, die seit zehn Jahren mit städtischer Unterstützung eine Beratungsstelle, ein Tagescafé und Notübernachtungsplätze unterhält, erklärt Tom, dass es ihm in der Stricherszene nicht schlecht gehe. Aber er räumt auch offen ein, dass er ein schlechtes Gewissen habe: seiner Frau und seinem Kind gegenüber, die er liebt, aber in Gefahr bringt, und sich selbst gegenüber, weil ihn das, was er macht, ekelt. Ängste seien immer gegenwärtig: die Angst, sich anzustecken und die Angst, entdeckt zu werden.
Die Berater und Beraterinnen von "Marikas", die die Stricher auch in Bars und auf der Straße aufsuchen, kennen die Szene, in der sich auch der 25-jährige Mörder von Rudolph Moshammer bewegte, sehr gut. Die anschaffenden "Jungs" sind keineswegs alle schwul. Und entsprechend haben viele einen verdeckten Hass auf sich selbst, der in Gewalt nach außen umschlagen kann. Das schnelle Geld lockt. Die fehlende Verantwortung für sich selbst und die Disziplinlosigkeit, mit der sie häufig ihr Leben führen, lässt sie das Geld so schnell wie verdient auch wieder ausgeben. Beispielsweise beim Glücksspiel an Automaten.
Die Konkurrenz in der Szene ist hart. Die deutschen Freier stehen auf junge Männer. Der "Nachschub" aus dem Osten Europas rollt. Mit 25 Jahren ist man auf dem Strich bereits alt. Auch das ist eine Quelle von Hass und Selbsthass bei jenen, die langsam aussortiert werden. Trotzdem ist die Szene für viele Stricher eine Art Ersatz-Familie. Man baut sich auf, hilft sich und lebt von der Hoffnung, eines Tages den "Job" aufzugeben, im Heimatland eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, das Studium fortzusetzen, der Familie auf andere Art und Weise zu helfen.
Die "Marikas"-Beratung, die mit ähnlichen Stellen in anderen deutschen Großstädten und mit Aids-Hilfen kooperiert, versucht, Strukturen in das Leben ihrer Klienten zu bringen. Rund 1.000 persönliche und viele telefonische Beratungen pro Jahr werden geführt, Kontakte zu Ärzten, Ämtern und Rechtsanwälten vermittelt und auch hin und wieder auf Wunsch der "Jungs" Gespräche mit ihren Herkunftsfamilien geführt.
Das Erstgespräch gilt ausnahmslos der Gesundheitsprävention und Safer Sex. Viele Stricher benötigen aber auch Hilfe bei chronischen Erkältungen, Zahnschmerzen und Infektionen. "In den Beratungsgesprächen geht es häufig um Ausstiegswünsche", heißt es im Jahresbericht von "Marikas". Die Hoffnung bei den Ausländern sei hoch, "vielleicht doch eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und einen legalen Job zu bekommen".


