Kurswechsel mit 48

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Kurswechsel mit 48

Herbert Tratz stand einst auf der Kanzel und steuert jetzt Öl-Tanker (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Gerhard Lenz (epd)

Bayerische Ex-Pfarrer machen mitunter erstaunliche Karrieren. Jenseits der Therapeuten- und Medienszene findet sich schon mal ein Arbeitsamtsdirektor, ein Flugbegleiter oder ein Börsenmakler. Den Kapitän eines Ozeanriesen gab es bislang noch nicht. Doch das kann sich ändern: Herbert Tratz (52) aus Pleinfeld (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) hat vor vier Jahren den Talar ausgezogen, in Rekordzeit ein Ingenieurstudium absolviert und fährt seither als nautischer Offizier auf Tankschiffen einer Bremer Reederei. Eines Tages möchte er das Kommando auf einem der großen "Pötte" übernehmen.

Wo ist ihr Heimathafen? Der Mann mit dem grau melierte Vollbart und den profunden Theologie- und Seefahrtskenntnissen lächelt milde: "Ein Schiff hat einen Heimathafen, ein Seemann nicht". Bis Ende Januar verbringt der ehemalige Gemeinde- und Militärpfarrer seinen Landurlaub Zuhause. Ehefrau Gudrun ist vor zwei Jahren als Pfarrerin in die Dienstwohnung in Pleinfeld eingezogen. Sie führen eine "spannende Ehe", wie er sagt, haben zwei volljährige Kinder und eine gemeinsame Leidenschaft: Beide besitzen den Jagdschein und gehen gern auf die Pirsch.

Mit dem 170 Meter langen Motortanker "Dorsch" hat Tratz in den vergangenen zwei Monaten Exportdiesel aus St. Petersburg in verschiedene europäische Häfen transportiert, 30.000 Tonnen pro Schiffsladung. Davor war er mit Mineralölprodukten auf der "Hummel" und der "Libelle" in Ostsee, Nordsee und Atlantik unterwegs. "Im Fahrbetrieb sind sie ähnlich", berichtet er, "Unterschiede gibt es im Lade- und Löschbetrieb. Da kommt es darauf an, ob das Schiff Kreiselpumpen im Pumpenraum oder Hydraulikpumpen in jedem der Ladetanks hat."

Ladetechnik, Waffentechnik, Antriebstechnik - wie Dinge funktionieren und die Menschen sie handhaben, scheint ein Grundton in der Lebensmelodie des gebürtigen Fürthers zu sein. Nach zehnjährigem Seelsorgedienst in Gemeinden mit seiner Ehefrau wechselte Tratz 1990 in die Militärseelsorge nach Lagerlechfeld bei Augsburg. Dort ließ er sich in seiner Freizeit zum Wartungsmechaniker ausbilden und nahm bei Auslandseinsätzen am Schichtdienst.

Beim Flottillenstab der Marineflieger in Kiel-Holtenau und auf Zerstörern der Bundesmarine setzte der Geistliche seine Kreuzfahrt durch verschiedene Wissens- und Erfahrungsgebiete fort. "Vor allem im Umgang mit Menschen habe ich eine Menge gelernt," meint er rückblickend. Auch dass er - zur Freude seiner Frau - heute am Küchenherd seinen Mann steht, verdankt er dieser Zeit: "Auf den Zerstörern wurde traditionell gut gegessen".

Etwa 100.000 Seemeilen legte Tratz in drei Jahren zurück, war Ansprechpartner für Besatzungsmitglieder in persönlichen Krisen und erlebte die elementare Gewalt des Meeres bei Stürmen westlich der Hebriden und vor der Küste Norwegens. Einige Male war er seekrank. Doch das ist vorbei. Eine Stimmbanderkrankung, die schließlich erfolgreich behandelt wurde, belastete ihn wesentlich stärker.

Als das Ehepaar Tratz 1998 von seinem Rückkehrrecht in die bayerische Landeskirche Gebrauch machen wollte, musste es feststellen, "dass man dort nicht gerade auf uns gewartet hat". Es gab genügend Pfarrer, und Personalführung, wie er sie von der Bundeswehr her kannte, schien nicht zu existieren. Der viel gereiste Geistliche mit der unverkennbaren Sympathie für klare Strukturen und eindeutige Kurse drohte beruflich auf Grund zu laufen.

Nach kurzen Einsätzen auf Gemeindepfarrstellen in Nürnberg und den mittelfränkischen Obernzenn entschloss sich Tratz mit 48 Jahren zu einem radikalen Richtungswechsel. Das Ingenieurstudium an der Seefahrtschule im ostfriesischen Leer dauert inklusive zweier Praxissemester auf See normalerweise acht Semester. Tratz legte die Diplomprüfung nach sechs Semestern mit 1,3 ab und durfte sich über eine glatte 1 für seine Diplomarbeit "Sicherheitsmanagement für Großyachten" freuen. Ende 2003 erhielt er von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Kiel das begehrte "nautische Patent", einen international standardisierten "Schiffsführerschein", der die Ernennung zum Kapitän ermöglicht.

Wenn er als 2. Offizier Wachdienst auf der Brücke hat, so Tratz, gehe es vor allem darum, "das Schiff auf Kurs zu halten und Hindernisse rechtzeitig zu erkennen". Zwischendurch bleibe Zeit zum Nachdenken. Beamtenrechtlich ist er freiwillig aus den Diensten der bayerischen Landeskirche ausgeschieden. Ob er sich weiterhin als Pfarrer fühlt, möchte er offen lassen. Das Recht zu predigen und "die Sakramente zu verwalten" besitzt er weiter. Als "Schiffsprediger" wird er allerdings gewiss nicht auftreten. Die auch in Kirchenkreisen gern zitierte Weisheit, dass der Weg das Ziel sei, hält er nautisch betrachtet für eine Katastrophe: "Wenn ich aus einem Hafen auslaufe, muss ich wissen, wohin die Reise geht".

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(Artikel vom 20.01.2005)