Die Legende vom christlichen Gauleiter

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die Legende vom christlichen Gauleiter

Wie Landesbischof Meiser Bayerns NS-Kultusminister verklärte (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Bernd Mayer (epd)

Bayreuth (epd) Der kirchliche Widerstand im NS-Gau Bayerische Ostmark (Oberfranken, Oberpfalz und Niederbayern) ist eines der zentralen Themen im jüngsten Archivband des Historischen Vereins für Oberfranken. Dabei geht der Autor, der frühere Marburger Universitätsprofessor Helmut Schaller, auch auf die Rolle des bayerischen evangelischen Landesbischofs Hans Meiser ein. Meiser erscheint in dem Beitrag als ein Kirchenmann, der selbst nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches noch manchen Illusionen nachhing.

Kritisch sieht Schaller, ein gebürtiger Bayreuther, vor allem die Einstellung Meisers zum Gauleiter der Bayerischen Ostmark, Hans Schemm, der bald nach der Machtergreifung zum ersten NS-Kultusminister Bayerns avancierte. Der pseudo-religiöse völkische Schwulst des radikalen Antisemiten Schemm schien Meiser nicht zu stören. Schaller macht deutlich, wie sehr der Oberhirte auf Schemms Parole vom "positiven Christentum" hereinfiel. Der "schöne Hanni", wie der Gauleiter in seiner Heimatstadt Bayreuth genannt wurde, hatte sich 1933 als Kultusminister bei den Kirchen mit der Wiedereinführung des Schulgebets beliebt gemacht. Seine religiösen Aussagen waren indes meist völkischer Stuss von der Art: "Das Ich ist vergänglich, das Volk und die Gemeinschaft ist alles und öffnen das Tor zur Ewigkeit."

Auch im Gau Bayerische Ostmark kann nach den Forschungsarbeiten Schallers zufolge von einem "beständigen Kampf der Nationalsozialisten gegen die christlichen Kirchen" gesprochen werden. Auch Meiser wurde als Landesbischof im Kirchenkampf Opfer einer wüsten Kampagne - im Herbst 1934 saß er vorgehend im Arrest. Am Kultusminister wurde er indes nicht irre und hielt ihm die Treue sogar über den Tod hinaus. Als der Gauleiter am 5. März 1935 nach einem Flugzeugabsturz das Zeitliche segnete, läuteten bei der Beisetzung auf Meisers Anordnung in allen evangelischen Kirchen Ostbayerns die Glocken. Immerhin war Schemm, anders als sein Nachfolger Fritz Wächtler, als Gauleiter nicht aus der Kirche ausgetreten.

Laut dem Urteil des Autors hatte Meiser "gewissermaßen" ein verklärtes Bild von Schemm, obwohl er sich über den wahren Charakter des Nationalsozialismus im Klaren gewesen sein musste. Schaller weist auch auf den "krampfhaften" Versuch hin, mehr als zehn Jahre nach Schemms Tod in einem Entnazifizierungsverfahren dem Gauleiter eine "christliche Gesinnung" zu bestätigen - wobei seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach der Machtübernahme 1933 so gut wie vergessen sein sollten".

Meiser lieferte der Hauptspruchkammer auch eine Art christlichen Persilschein, als er im Namen der Landeskirche über Schemm schrieb: "Seine innere Einstellung zum Christentum war gekennzeichnet durch das von ihm öffentliche ausgesprochene und in weiten Kreisen bekannte Wort: 'Unsere Politik heißt Deutschland, unsere Religion heißt Christus.'"

Schemm sei davon überzeugt gewesen, dass eine Synthese zwischen Nationalsozialismus und Christentum möglich gewesen sei. Meisers blauäugiges Resümee: "Die politische und kirchliche Entwicklung im Dritten Reich wäre vermutlich eine andere geworden, wenn die von ihm vertretene Linie auch in anderen Kreisen der Partei und des Staates eingehalten worden wäre."

Die Legende vom "guten Nazi" Schemm sollte sich als überaus zäh erweisen. So nahm an Schemms Heimatort Bayreuth bis in die achtziger Jahre hinein niemand Anstoß daran, dass die US-Kaserne unweit des Stadtzentrums "Hans-Schemm-Kaserne "hieß.

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(Artikel vom 01.02.2005)