Als Albrecht Dürer die Buchkunst entdeckte
Als Albrecht Dürer die Buchkunst entdeckte
"Marienleben"-Ausstellung in der Schweinfurter Bibliothek Otto Schäfer (mit Bild) (Korrespondentenbericht)
Von Rieke C. Harmsen (epd)
Auf der Frankfurter Buchmesse werden jedes Jahr die "schönsten deutschen Bücher" prämiert. Ausgezeichnet werden Werke, die aktuelle Entwicklungen in Typografie, Gestaltung oder Herstellung aufzeigen. Der Grafiker und Maler Albrecht Dürer hätte 1511 bestimmt auch einen dieser Preise erhalten. Denn damals publizierte der Nürnberger Künstler im Selbstverlag ein Buch, das in jeder Hinsicht ungewöhnlich war.
Zu dieser Überzeugung gelangten jedenfalls die Nürnberger Kunsthistorikerin Anna Scherbaum und die Münchner Philologin Claudia Wiener, als sie auf Spurensuche gingen. In der Ausstellung "Andachtsliteratur als Künstlerbuch - Dürers Marienleben" in der Schweinfurter Bibliothek Otto Schäfer, die bis 17. April zu sehen ist, stellen sie nun ihre Forschungsergebnisse vor.
"Das Buch von Dürer ist für damalige Verhältnisse hochmodern", erklärt Scherbaum, die über Dürers Marienleben promoviert hat und am Nationalmuseum in Nürnberg arbeitet. Denn während Bücher um 1500 üblicherweise den Text in den Vordergrund stellen und Illustrationen nebensächlich sind, behandelt Dürer Text und Grafik als gleichwertige Elemente.
"Jede Doppelseite ist eine Einheit", sagt Scherbaum. Rechts steht eine Illustration, links dazu befindet sich der passende, entsprechend gekürzte Text. Außerdem verwendet Dürer erstmals keine gotische, "sondern eine Antiqua-Schrift, die wir heute auch noch verwenden", so Scherbaum.
Auch die Texte sind für damalige Verhältnisse ungewöhnlich. Wie die Münchner Professorin Claudia Wiener erläutert, verfasste sie der Mönch Benedictus Chelidonius. "Er bediente sich eines italienischen Textes, der damals eine Art Bestseller in Humanistenkreisen war, und kürzte diesen entsprechend".
Entstanden seien "eigenständige Schöpfungen, die auch aktuelle theologische Diskussionen aufgreifen". Getreu dem humanistischen Ideal der Zeit werde Maria als sehr gebildete Frau dargestellt, die griechische und hebräische Texte liest. Aber auch der Frage der unbefleckten Empfängnis gehe der Mönch in seinen Texten nach.
Dürers Holzschnitte aus dem "Marienleben" sind unzählige Male kopiert worden, und bis heute lassen sich Motive wie die "Madonna auf der Mondsichel" oder die "Geburt Christi" auf Postkarten oder Plakaten gut verkaufen. Doch das innovative Buchkonzept wurde von seinen Zeitgenossen nicht angenommen, wundert sich Scherbaum. Wahrscheinlich war Dürer diesen einfach einen Schritt voraus. Vielleicht war das auch der Grund, warum Dürer das Buch "Marienleben" und die Folgebände "Große Passion" und "Kleine Passion" im Selbstverlag herausgeben musste.
Die Ausstellung "Andachtsliteratur als Künstlerbuch - Dürers Marienleben" zeigt nicht nur sämtliche Einzelblätter, sie erläutert auch die Buchausgaben im kulturellen Kontext der Andachtsliteratur der damaligen Zeit. Die Bibliothek Otto Schäfer, Judithstr. 16, 97422 Schweinfurt, ist Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr, Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b050080.
Achtung: Ab sofort können Sie die Fotos direkt im Internet herunterladen unter !


