Im Alltag Gott erfahren
Im Alltag Gott erfahren
Ökumenische Exerzitien leisten in der Fastenzeit Hilfe dazu ((Korrespondentenbericht)
Von Heinz Brockert (epd)
München. Mehrere tausend evangelische und katholische Christen in Oberbayern machen sich in der Fastenzeit wieder auf einen gemeinsamen Meditationsweg. Zu den Ökumenischen Exerzitien im Alltag wird seit dem Millenniumsjahr 2000 eingeladen. Für viele der Teilnehmer strahlen die festen Zeiten innerer Einkehr neben dem gewöhnlichen Tagesablauf in das gesamte Jahr hinein. Zu ihnen gehört Sabine Schnurr, Angestellte im Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in München und designierte Leiterin des evangelischen Lenkungsausschusses für die Exerzitien im Kirchenkreis München/Oberbayern.
Sie schätzt an diesem spirituellen Weg, dass er nicht in die Abgeschiedenheit eines Klosters oder Meditationszentrums führt, sondern "im alltäglichen Leben das Wirken Gottes neu entdeckt werden kann". Die kurze tägliche Versenkung in Worte der Bibel und Aussagen berühmter Meditationslehrer, unterstützt durch Körperübungen, wirkt unmittelbar auf die Wahrnehmung, das Erleben und das Tun bei alltäglichen Verrichtungen in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Für sie als evangelische Christin ist an den Exerzitien außerdem wichtig, dass nicht nur der Kopf (wie bei vielen Protestanten), sondern auch das Gefühl und Körper und Seele als Einheit angesprochen werden.
Wer an den vierwöchigen Exerzitien mit dauerhaftem Gewinn teilnehmen möchte, muss nicht sein Leben umstellen, sondern sich punktuell drei Mal am Tag alleine und einmal in der Woche am Abend in einer Gruppe von Meditierenden für Texte und Reflexionen öffnen. Der Tag beginnt mit einer halbstündigen Einkehr an einem ruhigen Platz. Texte, die in diesem Jahr von Schwestern des Benediktinerordens in München zusammengestellt worden sind, werden gelesen, Gebete gesprochen. Viele zünden dabei eine Kerze an. Meditative Körperübungen oder Gesten erleichtern die Vertiefung.
Die Texte sind wie immer der Bibel, aber auch den "Regeln" des Benedikt von Nursia (480 - 560 n. Chr.) entnommen. Benedikt schrieb sie für seine kleine Gemeinschaft von 12 Mönchen auf und strukturierte damit ihr Zusammenleben. Er änderte damit, wie Sabine Schnurr betont, eine Tradition in den frühen Klöstern, "wo sich viele Einzelne als Schüler zu Füßen eines großen Meisters versammelten". Bei Benedikt gehe es "nicht darum, außergewöhnliche Leute zu spektakulären Heldentaten anzuspornen, sondern gewöhnliche Dinge still und vollkommen zu Gottes Ehre zu tun".
Die weiteren Fixpunkte für die Exerzitien im Alltag sind eine kurze, fünfminütige Besinnung in der Mitte des Tages, ein Tagesrückblick von einer Viertelstunde in Ruhe am Abend und der wöchentliche Austausch in einer Gruppe in der Kirchen- oder Pfarrgemeinde, in der man sich angemeldet hat. Die Einführungsabende sind schon bald, Mitte Februar. Adressen können bei Sabine Schnurr (T: 089/57966876), beim Verein zur Förderung der Meditation in der Landeskirche (T: 089/434670) oder in den Gemeinden erfragt werden.
Die Ökumenische Exerzitien basieren auf dem langen Erfahrungsschatz des Referates für Seelsorge und Exerzitien der katholischen Diözese München/Freising. Die hoffnungsvoll begonnene Zusammenarbeit erfuhr Rückschläge, weil die evangelischen Teilnehmer zu wenig Unterstützung von der Kirchenleitung erfuhren. Das hat auch schon zu Unmut auf katholischer Seite geführt, weil man sich dort auf eine Rolle als "Geburtshelfer" beschränken wollte und auf eigene Beiträge einer evangelischen Spiritualität gehofft hat. Sabine Schnurr geht nun davon aus, dass eine eigens gebildete Gruppe im evangelischen Meditationszentrum St. Martin in München bis 2007 mit einem "evangelischen Exerzitienmodell" heraus kommt. "Schade, dass wir noch nicht weiter sind, denn die Exerzitien sind ein leuchtende Beispiel für gelebte Ökumene", sagt sie.


