Geduld war wichtigste Eigenschaft
Geduld war wichtigste Eigenschaft
Hundertjährige Hebamme Käte Luthardt begleitete 1.200 Kinder ins Leben (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Beate Krämer (epd)
Käte Luthardt ist eine zierliche Frau. Auf den ersten Blick kaum vorstellbar, dass die ehemalige Hebamme allein im Rhönort Wildflecken rund 1.200 Kinder auf ihrem Weg ins Leben begleitet hat. Doch mit hundert Jahren ist ihr Wesen immer noch zupackend, wenn auch Seh- und Hörkraft nachgelassen haben. Umso lebendiger stehen vor ihrem inneren Auge die Erlebnisse aus ihren Berufsjahren, von denen sie mit wachem Geist zu berichten weiß.
Abenteuerlust war es, die die gelernte Säuglingspflegerin von Dresden zur Hebammenausbildung nach Stuttgart führte. Abenteuerlich war auch manches, was die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich brachte. 1938 war sie durch ihre Heirat vom Erzgebirge ins unterfränkische Wildflecken gekommen, wo ihr Mann beim Heeresbauamt arbeitete. Wohl gab es eine Hebamme in einem Nachbarort. Doch diese wurde oft in ein Entbindungsheim nach Bad Brückenau gerufen. Dort verbrachten Frauen aus dem Rheinland die Wochen vor und nach der Geburt, "damit sie nicht ständig in den Bunker mussten", so Luthardt. Als die Wildfleckener von ihrem Beruf erfuhren, war sie anfangs auch ohne amtliche Erlaubnis häufig im Einsatz.
Nach dem Krieg betreute sie unter anderem ehemalige Zwangsarbeiterinnen im so genannten Polenlager. "Wenn ich drei Tage nach der Geburt kam, waren sie schon wieder am Arbeiten", berichtet sie von diesen Frauen. Auch Mütter von "Besatzungskindern" versorgte sie ebenso wie ledige Mütter, die ihre Kinder meist allein aufziehen mussten. Noch heute hat sie Zwillinge vor Augen, die eine Frau von einem amerikanischen Soldaten bekam. Eine Amerikanerin adoptierte die Mädchen, als sie die Not der jungen Mutter sah. Ihrer Familie in den Staaten schrieb sie laut Luthardt: "Die Luft und das Essen hier haben mir so gut getan, dass ich entgegen anders lautenden Prognosen doch schwanger geworden bin und gleich Zwillinge bekommen habe."
Über die Rolle der Väter bei einer Entbindung hatte die Hebamme ganz moderne Ansichten. Meist warteten die den Verlauf der Geburt in der Küche ab. Nicht so bei Käte Luthardt. Zumindest gegen Ende der Geburt holte sie sie zur Unterstützung der Gebärenden. "So bekamen ein anderes Verhältnis zu ihren Kindern, als wenn sie's vom Krankenhaus fertig kriegen", berichtet sie scherzhaft. Die Männer seien immer dankbar dafür gewesen. Die Frauen schätzten ihre Begleitung so sehr, dass manche sich von der 70-jährigen, eigentlich nicht mehr praktizierenden Käte Luthardt, lieber zu Hause entbinden ließen als die Klinik aufzusuchen, wie es damals üblich wurde. "Da habe ich der Amtsärztin eben geschrieben: Es ist so schnell gegangen, wir konnten nicht mehr ins Krankenhaus."
Geduld ist für die Hundertjährige eine wichtige Hebammeneigenschaft. "Heutzutage hat man es zu eilig mit Kaiserschnitten", meint sie kritisch. Früher sei das ein ganz seltenes Ereignis gewesen. Trotzdem hatte sie während ihrer Berufsjahre keine Todesfälle und nur wenige Komplikationen zu beklagen. Käte Luthardt legte Wert auf ein gutes Verhältnis zu ihren Frauen schon während der Schwangerschaft, kam in den Wochen vor der Geburt regelmäßig zu Untersuchungen ins Haus.
Nach der Geburt kam ihr eine besondere Rolle zu: Als Hebamme hielt sie die Babys über den Taufstein, da die Taufe spätestens am fünften Lebenstag des Kindes erfolgte und die Mutter nicht dabei war. Das sei manchen Leuten gar nicht recht gewesen. Denn Käte Luthardt war als Evangelische in einen "stockkatholischen" Ort gezogen. Der damalige Pfarrer freilich machte sich nichts daraus, setzte sich beim Taufkaffee neben die Hebamme und unterhielt sich angeregt mit ihr. "Da meinten die Wildfleckener wohl, dass evangelisch doch nicht so schlimm sein kann", bringt sie noch eine ökumenische Note in ihre Arbeit.
Heute erinnert in ihrer Wohnung kaum noch etwas an diese Jahre. Den Koffer mit ihrem "Handwerkszeug" hat Käte Luthardt längst an eine jüngere Hebamme verschenkt. Fotos aus jener Zeit sind Mangelware. Geblieben ist vor allem das gute Verhältnis zu allen, denen sie mehr als 30 Jahre lang zur Seite stand und die ihr jetzt bisweilen beim Überqueren der Straße Augen und Ohren ersetzen.
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