Die wundersame Wiedergeburt der Glashütte Theresienthal

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die wundersame Wiedergeburt der Glashütte Theresienthal

Wie die Kuenheim-Stiftung Unternehmertum und Verantwortungssinn fördert (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Rieke C. Harmsen (epd)

"Die Zukunft beginnt jetzt" wirbt die weltgrößte Konsumgütermesse "Ambiente" in Frankfurt. Der Slogan, mit dem die Fachmesse vom 11. bis 15. Februar über 4.600 Aussteller aus 90 Ländern anlockt, könnte ebenso gut Motto der 18 Mitarbeiter der Kristallglasmanufaktur Theresienthal in Zwiesel im Bayerischen Wald sein. Denn für sie beginnt mit der Messe eine Zitterpartie, die über ihren Arbeitsplatz mitentscheidet.

Das Glas aus Theresienthal ist weltberühmt: Im 19. Jahrhundert ließ hier König Ludwig II. für Schloss Linderhof ein Glasservice anfertigen, und für den Zarenhof in Russland wurden die kostbaren Stücke sogar zu Fuß in Holzkraxen nach St. Petersburg getragen. In den besten Zeiten arbeiteten rund 300 Glasmacher in der Manufaktur. Doch der Ruhm währte nicht: Im Jahr 2000 musste das Unternehmen Konkurs anmelden. Neue Geldgeber kamen, doch 2001 war endgültig Schluss: Die Produktion wurde eingestellt.

Die Glasmacher gaben aber nicht auf und suchten unermüdlich nach Wegen, die Manufaktur am Leben zu halten. Dem Einsatz der Eberhard von Kuenheim Stiftung ist zu verdanken, dass das Unternehmen - und mit ihm 18 Langzeitarbeitslose - eine neue Chance bekam. Beeindruckt vom persönlichen Engagement und Verantwortungssinn der Glasmacher, engagierte sich die Stiftung der BMW AG für die Gründung der "Stiftung Theresienthal" und sorgte mit über 40 Projekt-Partnern für den Wiederaufbau der Manufaktur.

Im September 2004 war es dann soweit: Die Glasproduktion wurde wieder aufgenommen. Die "Ambiente" in Frankfurt ist nun die erste Hürde, die die Theresienthaler nehmen müssen. Hier wird zum ersten Mal die neue Kollektion mit 220 Gläsern, Karaffen, Vasen und Schalen präsentiert.

"Jetzt kommt es darauf an, ob die hochwertigen Gläser beim Kunden ankommen", erklärt Betriebsleiter Max Hannes. Nur wenn die Nachfrage langfristig stimmt, hat die Manufaktur eine Chance. Bis August 2005 werden die 18 Mitarbeiter über die Bundesagentur für Arbeit und den Europäischen Sozialfonds finanziert. Doch dann müssen die Theresienthaler die Talsohle überschritten haben, und der Betrieb muss sich selbst tragen.

Die Angst der Mitarbeiter, ihre Stelle erneut zu verlieren, ist berechtigt: Der deutschen Glas- und Porzellanindustrie geht es schlecht, allein in Bayern wurden in den letzten Jahren rund 10.000 Arbeitsplätze eingespart.

Andererseits ist in Theresienthal ein Handwerk und eine Kunst erhalten geblieben, die so nur noch selten in Deutschland zu finden sind: Hier wird vom Schmelzen der Rohstoffe bis zum Schleifen oder Bemalen des Kristalls alles noch alles von Hand und in einer einzigen Manufaktur gemacht.

Und das ist ein hartes, schwieriges Handwerk: "Ein guter Glasmacher braucht sieben Jahre, bis er einen der hochwertigen Theresienthal-Krüge herstellen kann", erklärt Max Hannes. Vor allem aber "taugt von zehn Meistern nur einer etwas." Zum Handwerk gehörten nun mal Sorgfalt, Wissen und auch Talent.

Für die wirtschaftsarme Region Zwiesel jedenfalls ist der Neustart von Theresienthal schon jetzt ein außerordentlich positives Signal. Inzwischen vergeht laut Verwaltungsangestellte Waltraud Eisch keine Woche, in der sich nicht jemand bei der Glasmanufaktur bewirbt. "Hoffentlich findet unser Vorbild in Deutschland viele Nachahmer", sagt sie.

Fotos per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummern: b05200 bis b05208. Die Bilder können auch im Internet heruntergeladen werden unter .

(Artikel vom 11.02.2005)