Dem Kriegseinsatz folgt die Bewährung im Frieden
Dem Kriegseinsatz folgt die Bewährung im Frieden
12.000 US-Soldaten kehren aus dem Irak nach Nordbayern zurück (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Gerhard Lenz (epd)
Sie sind andere Menschen geworden und kehren in eine veränderte Welt zurück: 12.000 Soldaten der in Nordbayern stationierten 1. US-Infanteriedivision befanden sich während der vergangenen 15 Monate im Irak-Einsatz. Etwa 150 Tote und fünf Mal so viel Verwundete waren nach Armee-Angaben vom Mittwoch dabei zu beklagen. Gegenwärtig beziehen die Männer und Frauen wieder ihre Quartiere in Würzburg, Schweinfurt, Bamberg, Kitzingen, Vilseck, Katterbach und Giebelstadt. Dort wartet ein siebentägiges "Wiedereingliederungsprogramm" auf sie.
Als der grüne Vorhang zurückschnurrt und die 24 Soldaten in sandfarbenen Uniformen mit unbewegten Gesichtern zu Militärmusik vom Tonband einmarschieren, brandet Beifall auf. Jubelschreie hallen durch die mit Transparenten für die heimkehrenden "Helden" geschmückte Sport- und Freizeithalle der Conn-Barracks in Schweinfurt. Über einige Gesichter rollen Tränen. Ein kurzes Kommando, dann wird es still. Militärpfarrer Stefan Feriante spricht ein Dankgebet.
Während der amtierende Divisionskommandeur Christopher Kolenda ans Rednerpult tritt, wandern suchende Blicke über die Reihen. Es sei ihm eine große Ehre, "die besten Soldaten der Welt mit den großartigsten Familien und Militärgemeinden zusammenzuführen", versichert Kolenda. Noch einige Sätze patriotischer Selbstvergewisserung - dann löst sich mit der soldatischen Formation die Spannung auf und die Menschen fallen sich in die Arme.
Ilonka Quashie ist eine von ihnen. Ihr Ehemann Widmark, Feldwebel bei der 126. Kompanie, hat Ilonka sofort entdeckt, drückt sie an sich und nimmt dann das etwas verschüchtert wirkende Töchterchen Diandra auf den Arm. Die Quashies sind seit 18 Jahren verheiratet, hatten ihr eigenes Haus in einem Schweinfurter Vorort gerade fast fertiggebaut, als er abkommandiert wurde. "Sie können sich denken, wie froh ich bin", versichert die gebürtige Deutsche. Das vorgeschriebene Re-Integrationsprogramm sei in ihrem Falle ziemlich überflüssig.
Auf dem Kasernengelände wurden dafür eigens Zelte errichtet. Vier Stunden täglich seien angesetzt, macht Standortkommandeur Jeff Feldman den etwa 200 Soldaten klar, die im "Tag 1"-Zelt eingewiesen werden. Die meisten sind zwischen 18 und 25. Welche Spuren der Krieg bei ihnen hinterlassen hat, wird sich erst noch zeigen. Einer Armeestudie zufolge kommt jeder sechste Soldat aus dem Irak mit psychischen Problemen zurück.
Nach der Begegnung mit Tod und Terror geht es um das Überleben im Frieden. Stabsfeldwebel Jessie Legette, ein "Haudegen" mit über 30 Dienstjahren, berichtet von einer Einheit in Wiesbaden, die 15 Monate Kriegseinsatz "relativ gut" überstand und nach der Rückkehr binnen weniger Tage sieben Soldaten auf deutschen Straßen verlor. In fast väterlichem Ton bittet er die Soldaten, nach einjähriger Abstinenz vorsichtig mit Alkohol vorsichtig umzugehen. "Das Bier hier ist immer noch dasselbe".
Weiterer Feind an der "Heimatfront": Der Straßenverkehr. Auf dem bewachten Kasernenparkplatz stehen an die 800 Personenwagen, die ein Jahr und länger nicht benutzt wurden. Ihre Besitzer müssen sich erst wieder an die im Winter besonders riskanten Verhältnisse in Deutschland gewöhnen. "Auch manche Verkehrsregeln und Sicherheitsvorschriften sind nicht mehr so präsent," meint Presseoffizier George Ohl.
Im "Tag 2"-Zelt bringt Familienberaterin Susanne Mikkelson vor zivil gekleideten Soldatinnen und Soldaten sowie deren Partnern mögliche Beziehungsprobleme nach der Rückkehr zur Sprache. "Lasst Euch Zeit", appelliert sie an die jungen Paare. Einer der häufigsten Fehler nach der Rückkehr sei "zu viel zu schnell zu wollen". Dies gelte besonders für das Sexualleben. "Drängt nicht auf Sex ohne emotionale Verbindung", lautet ihr Rat. "Versucht nicht, ein Jahr Sex nachzuholen", rät sie vor allem den Männern. Für Ehepaare hält Mikkelson einen gedruckten "Temperaturfühler" bereit, mit Fragen und Hinweisen für eine Bestandsaufnahme ihrer Beziehung.
Zivilangestellte der Conn-Barracks behaupten, dass die zurückgekehrten Soldaten schlimmer fluchen als vorher. Ausführlich werden deshalb Kommunikationsfragen behandelt. Eng damit verbunden ist aggressives Verhalten. Es gab mehrfach Schlägereien in Schweinfurter Lokalen mit zurückgekehrten Soldaten. "Manche stehen auch noch nach Wochen unter Stress und überreagieren", hat Militärpfarrer Bill Ralsten beobachtet. Psychologen sprechen von posttraumatischen Belastungsstörungen durch den Tod von Kameraden und ein ständiges Leben in Angst. Die Armee hat inzwischen ihre Zivilstreifen verstärkt.
Neben gründlichen medizinischen Untersuchungen gehören auch finanzielle und organisatorische Fragen zum Programm der Wiedereingliederung. Ein Reisebüro soll die Zukunftsplanung erleichtern. Doch auch die Bewältigung von Tod und Trauer wird nicht ausgeblendet. Besonders thematisiert wird in diesem Zusammenhang die Entwicklung der eigenen Spiritualität. Durch die Begegnung mit dem Tod würden manche Soldaten mit neuen Prioritäten für ihr Leben zurückkehren, heißt es einem Faltblatt. Sie, aber oft auch ihre Angehörigen, hätten gelernt zu beten. Wie diese Erfahrungen die persönlichen Glaubensüberzeugungen verändert haben, kann mit einem der fünf Militärgeistlichen in den Conn-Barracks vertieft werden.
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