Der gute Hirte von Lauenstein
Der gute Hirte von Lauenstein
Wie ein Pfarrer in Oberfranken Schafzucht und Seelsorge unter einen Hut bringt (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Wolfgang Lammel (epd)
Er ist vermutlich der einzige Schäfer, der einen theologischen Doktortitel trägt. Wenn er auf seiner Weide steht, dann schwärmt Rainer Hennig schon mal von "diesem Schokoladenblick". Von 600 Metern Höhe schaut Rainer Hennig hinab auf die Hausdächer und auf die trutzige Burg von Lauenstein im oberfränkischen Landkreis Kronach. Das einzigartige Panorama hätten eigentlich zahlungskräftige Berliner genießen sollen, doch das Projekt eines privaten Sanatoriums platzte - nach der deutschen Wiedervereinigung gab es dafür keinen Bedarf mehr. Stattdessen gehört der idyllische Südhang nun einer kleinen Schafherde. Hier konnte sich Hennig einen Wunsch erfüllen: Gemeindepfarrer sein und Landwirt zugleich.
Hinter ihm lag schon eine erfüllte berufliche Karriere, als er im Herbst vor zwei Jahren einen neuen Aufbruch wagte. Studium, Promotion, Studentenpfarrer, schließlich ab 1991 erster Umweltbeauftragte der bayerischen evangelischen Landeskirche. Mit zahlreichen Initiativen schärfte er das ökologische Bewusstsein in den Kirchengemeinden. Sein Lieblingsprojekt, eine aus Spenden finanzierte Windkraftanlage, wurde 2001 in Thüringen verwirklicht.
Aus der Sicherheit der "normalen" Laufbahn eines bayerischen Pfarrers heraus begab sich der Junggeselle mit 57 Jahren noch auf ein Lehr- und Wanderjahr durch die neuen Bundesländer. Als landwirtschaftlicher Praktikant ("früher hätte man wohl Knecht dazu gesagt") verdingte sich Hennig auf Höfen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Gegen Kost und Logis arbeitete er in der Milchwirtschaft des Klosters Volkenroda, auf einem Demeterhof im Gemüseanbau, sogar - "mit allen Ängsten" - in einer Pferdezucht. Die schönste Zeit: eine "hochromantische" Woche unterwegs in Thüringen mit einem Wanderschäfer und seiner 700-köpfigen Herde.
Ganz fremd war ihm das Metier nicht. Aufgewachsen in einer fränkischen Weberfamilie mit Kleinlandwirtschaft, hatte er schon auf seiner ersten Pfarrstelle im Dekanat Uffenheim Seelsorge und Schafzucht vereint. Sein Plan, eine solche Kombination in Thüringen oder Sachsen zu finden, ging indes nicht auf. "Ein paar Dinge wurden angebrütet, haben sich aber immer wieder zerschlagen." Dafür hat Hennig durchaus Verständnis. Die ostdeutschen Kirchen, von ungleich größeren Finanzsorgen geplagt als die im Westen, müssten ja erst für ihre eigenen Leute sorgen.
Dann kam der Anruf aus Lauenstein. Dort, wo der Frankenwald an den Thüringer Wald grenzt, arbeitet Hennig seit Mai auf einer halben Pfarrstelle. Und setzt klare Prioritäten: "Die Leute brauchen zuerst einen Seelsorger." Doch immer wieder meldet sich der "Ökopfarrer" in ihm, etwa wenn die Kondensstreifen der Flugzeuge an klaren Tagen den Himmel über der Burg durchschneiden.
Als Landwirt wurde er von der Dorfgemeinschaft von Anfang an akzeptiert. Aber zurzeit ist er noch weit davon entfernt, mit Schafsmilch und Käse echte Gewinne zu machen. Zwar hat er schon den ersten "Pfarrgarten-Honig" verkauft, den ihm seine fünf Bienenvölker im Sommer erarbeitet haben. Die Schafzucht allerdings, in die er seine Ersparnisse gesteckt hat, ist bis jetzt "ein reiner Zuschussbetrieb".
Seine zwölf Lacaune-Schafe und Eva, das schwarze Merino-Schaf, sind inzwischen nicht mehr allein. In den vergangenen Wochen kamen in Hennigs Stall sieben Lämmer zur Welt. Die Tiere bestimmen den Tagesablauf. Die ersten zwei Stunden, sieben Tage in der Woche, zwölf Monate im Jahr gehören ganz den Schafen. Und nicht nur das Melken und Füttern braucht Zeit, auch die vier Hektar Heu- und Futterweide wollen bewirtschaftet sein.
In gut fünf Jahren, als Ruheständler, möchte Hennig mit einer größeren Herde auf Wanderschaft quer durchs Land gehen. "Wenn der liebe Gott will", sinniert er, "vielleicht zusammen mit einer Schäferin....
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