Mehr Markt oder mehr Mission?

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Mehr Markt oder mehr Mission?

Der Sozialverband VdK hat viel politische Kraft akkumuliert

Von Heinz Brockert (epd)

Als Interessensvertretung der Kriegsopfer ist der VdK nach dem Weltkrieg gegründet worden. Als "Lobby der Reformopfer" sieht sich der Sozialverband laut eigener Werbung heute. 1,4 Millionen Mitglieder vertrete man als "Selbsthilfeorganisation für Sozialversicherte, für ältere Arbeitnehmer und Patienten, für Rentner, chronisch Kranke und Menschen mit Behinderung" bundesweit. Alleine in Bayern seien es 490.000.

Als "Sozialverband VdK Bayern e.V." firmieren die "Südstaatler" als eigene Organisation. Und sie lassen sich bei den Kooperationsgesprächen mit dem Bundesverband Zeit, denn sie wissen, dass sie ein großes Gewicht haben. Das wird noch größer werden, wenn der frühere CSU-Gesundheitsexperte Horst Seehofer im April zum Vorsitzenden des VdK-Bayern gewählt werden wird.

Bei der jährlichen sozialpolitischen Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing, die am Donnerstag zu Ende ging, präsentierte der VdK-Bayern eine eindrucksvolle Bilanz. Alleine im Jahr 2004 habe man 45.000 neue Mitglieder gewonnnen. In den letzten zehn Jahren sei ein Netto-Mitgliederzuwachs von 160.000 erreicht worden. Im letzten Jahr habe man 60.000 Anträge auf Sozialleistungen gestellt, 28.000 Widersprüche gegen Behördenbescheide eingelegt und 12.500 Mitglieder vor den Sozial- und Verwaltungsgerichten vertreten und dabei 12 Millionen Euro an Nachzahlungen erstritten.

Und weiter: 75 mit hauptamtlichem Personal besetzte Geschäftsstellen gebe es inzwischen in Bayern in 69 Kreisverbänden und 2.200 Ortsverbänden. Das gibt die Chance, sich auch tagespolitisch kräftig einzumischen. Und das will man auch, so wurde bei der Tagung betont. "Die Menschen setzen große Hoffnung in uns und betrachten uns als eines der letzten Bollwerke gegen die wachsende Anti-Sozialstaats-Koalition in Deutschland", so Landesgeschäftsführer Albrecht Engel.

Zur 20. Tagung hatte man dem entsprechend auch die Geschäftsführerin von Attac Deutschland Sabine Leidig als Referentin eingeladen und den Autoren Hersch Fischler, der jüngst mit Co-Autor Frank Böckelmann ein Buch über den Bertelsmann-Konzern vorgelegt hat, in dem er die These vertritt, dass die rotgrüne Bundesregierung bei den Sozialreformen nach der Pfeife der Bertelsmann-Stiftung tanze, obwohl der Weltkonzern einen lupenreinen Wirtschaftsliberalismus, garniert mit einzelnen Wohltaten für die eigene Mitarbeiterschaft, vertrete.

Der VdK will APO sein. Das war deutlich zu hören. Die generelle Politikerschelte des VdK-Präsidenten Deutschland, Walter Hirrlinger (Esslingen), lies allerdings nicht erkennen, wie und wo man sich als Fundamentalopposition im politischen und gesellschaftlichen Spektrum platzieren will. Zu den satzungsbedingten Aufgaben des VdK gehöre es auch, "durch Aufklärung seiner Mitglieder und der Öffentlichkeit sowie Ausdehnung und Ausbau seiner internationalen Beziehungen gegen die Vorbereitung und die Entfachung neuer Kriege Stellung zu nehmen, alle Bemühungen zur Sicherung des Friedens zu unterstützen und für die Schaffung eines politisch vereinten freiheitlichen Europas einzutreten", betonte Hirrlinger (78), Sozialdemokrat und früherer Arbeits- und Sozialminister Baden-Württembergs (1968 bis 1972).

Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (Berlin) erklärte bei der Tagung, dass zivilgesellschaftliche Sozialorganisationen wie der VdK sich in hohem Maße durch Multifunktionalität auszeichneten. Als Dienstleister seien sie am Markt tätig. Als "lebensweltlich eingebettete Organisationen" trügen sie zur Sozialintegration bei und bildeten den Kitt, der moderne Gesellschaften zusammen hält. Und als Lobby machten sie auf staatliche und gesellschaftliche Missstände aufmerksam und seien wichtige Foren der gesellschaftlichen und politischen Partizipation. Diese Funktionen könnten in Konflikte und Zielkonflikte miteinander geraten, so Priller. Mehr Markt oder mehr Mission? Beim VdK ist der Weg nicht absehbar.

(Artikel vom 17.02.2005)