"Jugendmedizinische Forschung in Deutschland gefährdet"
"Jugendmedizinische Forschung in Deutschland gefährdet"
Umstellung des Krankenhausvergütungssystems schafft Finanzierungsprobleme (Korrespondentenbericht)
Von Caroline Mayer (epd)
Die Kinder- und Jugendmedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten wesentliche Fortschritte gemacht, an denen auch deutsche Forscher maßgeblich beteiligt waren. So liegt die Heilungsrate krebskranker Kinder inzwischen bei 75 Prozent - in den 50er und 60er Jahren waren es nur zehn bis 20 Prozent, die eine Tumorerkrankung überlebten. Zudem versprechen neue, aus der Genforschung gewonnene Methoden in Zukunft Behandlungen, die auf die Besonderheiten des kindlichen Organismus weitaus mehr Rücksicht nehmen als bisherige Therapien. Hier steht die Kinderheilkunde nach Meinung der Experten vor einem "Durchbruch".
Doch der Fortschritt scheint auf Grund der jüngsten gesundheitspolitischen Entwicklungen gefährdet. Insbesondere die Folgen der Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf so genannte "Fallpauschalen" bereiten den Medizinern Kopfzerbrechen. In dem neuen System, das 2004 in deutschen Krankenhäusern eingeführt wurde, werden Kinder nämlich grundsätzlich gleich eingestuft wie Erwachsene. Das bedeutet beispielsweise, dass eine Kernspintomographie bei einem drei Monate alten Säugling nicht mehr kosten darf als bei einem erwachsenen Patienten. De facto sind die Kosten für die Klinik aber 7,8 mal so hoch, da das Kleinkind zusätzlich eine Vollnarkose, einen Anästhesisten und eine Anästhesieschwester benötigt.
"Wenn wir die Kinder adäquat behandeln wollen, müssen wir Defizite anhäufen, die uns dann von den Verwaltungsdirektoren der Klinik vorgehalten werden", klagt Dietrich Reinhardt, Direktor des Dr. von Haunerschen Kinderspitals der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Die Folge: Um die angehäuften Defizite wieder abzubauen, werden in den Kinderkliniken Assistentenstellen gestrichen - und die fehlen dann in der Forschung. Zwar hätten die Fachleute in den Wissenschafts- und Gesundheitsministerien das Problem inzwischen erkannt und seien um eine Lösung bemüht, erklärt Reinhardt, doch auf der Ebene der politischen Parteien habe sich ein solches Problembewusstsein noch nicht etabliert. "Es fehlt die Lobby, die den Parlamentariern Druck macht", vermutet Reinhardt.
Hinzu kommt, dass sich durch eine neuerdings verstärkte praktische Aubildung der Medizinstudenten die Lehrbelastung der Universitätsmediziner mehr als verdoppelt hat. Da gleichzeitig keine neue Stellen geschaffen wurden, finden die Mediziner immer weniger Zeit für die Forschung. Wenn nicht mehr Personal eingestellt wird, "ist für die nächsten Jahre damit zu rechnen, dass es erhebliche Einschränkungen in der Behandlung und Forschung für chronisch kranke Kinder geben wird", erklärt Stefan Burdach, Direktor der Universitätskinderklinik der Technischen Universität (TU) München.
Um nun auch einmal öffentlich auf die Leistungen der Kinder- und Jugendmedizin aufmerksam zu machen, informieren die beiden Münchner Universitätskliniken anlässlich der "Tage der Gesundheitsforschung" am Wochenende über aktuelle Entwicklungen in der Kinderheilkunde. Am Samstag (19. Februar) lädt das Haunersche Kinderspital zu Vorträgen und Laborbesuchen ein. Am Sonntag (20. Februar) präsentiert sich dann die Kinderklinik der TU im Krankenhaus München-Schwabing der Öffentlichkeit.


