"Judensau" - Schandbild für Christen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

"Judensau" - Schandbild für Christen

Wie Gemeinden mit den mittelalterlichen Spottskulpturen umgehen sollen (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Bernd Mayer

Das antisemitische Zerrbild der "Judensau" hat jahrhundertelang das Zusammenleben von Juden und Christen vergiftet - nach Überzeugung des Nürnberger Experten Professor Hermann Rusam mit verheerenden Folgen. Bayreuths evangelischer Dekan Hans Peetz hat eine Erläuterungstafel für das steinerne Spottrelief am Chor der Stadtkirche überreicht. "Wir wollen in Erinnerung rufen, zu welch unchristlichen Worten und Taten ein verblendeter Glaube fähig war und ist", sagte Peetz.

Die Bayreuther Plastik ist eine von sieben "Judensau"-Darstellungen in der plastischen Kunst, die gegenwärtig in Bayern noch anzutreffen sind. Nach den Worten des Experten Rusam sind zwei weitere Beispiele - einer Überlieferung zufolge in Bamberg und Freising - nicht mehr zweifelsfrei nachweisbar. Ein Drittes an der Kelheimer Stadtapotheke wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst zerstört. Auffallend ist die Häufung der Hass-Plastiken im Mittelfränkischen, die der Wissenschaftler mit der Herrschaft der Hohenzollern in Verbindung bringt.

"Diese widerwärtigen historischen Giftstoffe haben sich tief in die deutsche Volksseele eingesenkt - das Bild der "Judensau" mit der Verteufelung der Juden führt als direkter Weg zum Holocaust", sagte Rusam. Für einen gläubigen Juden könne es nichts Schlimmeres geben, als mit einem Schwein in Verbindung gebracht zu werden. In diesem Zusammenhang prangerte Rusam auch antisemitische Schmähungen von Martin Luther an, die seiner Meinung nach durch nichts zu rechtfertigen sind.

Von den noch sichtbaren anstößigen Steinreliefs sind die meisten bereits stark verwittert, so die Darstellungen am Kirchturm im mittelfränkischen Teilenberg, am Chorherrenstift in Spalt, am Regensburger Dom, an der Bayreuther Stadtkirche sowie am äußeren Burgtor der Cadolzburg. Gut erhalten, wenn auch völlig unauffällig, ist die "Judensau" an der Nürnberger Sebalduskirche, die sogar der Aufmerksamkeit des wüsten Antisemiten Julius Streicher entging. Das besterhaltene Beispiel findet sich im Inneren des Heilsbronner Zisterzienzerklosters.

Eindringlich warnte Rusam vor einer Verharmlosung der peinlichen Sehenswürdigkeiten als kunstgeschichtliche Kuriositäten. Mit gleicher Entschiedenheit plädierte er jedoch auch gegen eine Beseitigung der Schandbilder. Bilderstürmerei sei genauso falsch wie Verschweigen. Die Skulpturen müssten als Schandbilder für die Christen und "Stachel im Fleisch der Gemeinde" erhalten bleiben. Wichtig sei, dass die Gemeinde nicht einfach wegsehe, als ginge sie dies nichts mehr an.

Anerkennende Worte fand Rusam für die Hinweistafel der Bayreuther Stadtkirchengemeinde, deren Text von Dekan Peetz in Abstimmung mit dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, Felix Gothart, formuliert wurde. Demnächst soll auch am Südeingang des Regensburger Doms eine Tafel angebracht werden. Mit dem vorgesehenen Text hat Rusam freilich seine Probleme: "Es fehlt die Bereitschaft, sich zur Schuld der Kirche zu bekennen."

Hierzu gibt es auch ein Foto das per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140 ist.

(Artikel vom 03.03.2005)