Aus für die "Behinderten-Universität"

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Aus für die "Behinderten-Universität"

Tagesbildungsstätte für geistig Behinderte muss schließen (Korrespondentenbericht)

Von Heinz Brockert

Der legendäre Münchner evangelische Sozialpfarrer Otto Steiner nannte die "Tabs" liebevoll "meine Behinderten-Universität". Experten aus vielen Ländern kamen und kopierten das einzigartige Modell einer Volkshochschule für erwachsene geistig Behinderte. Zum Jahresende wurde die Tagesbildungsstätte (Tabs) in Bildungswerk des Heilpädagogischen Centrums Augustinum (HPCA) im Münchner Norden jetzt geschlossen, weil der Regierungsbezirk Oberbayern sie aus einer Sonderförderung heraus genommen hat.

23 Jahre hat es die "Tabs" gegeben. Rund 800 Behinderte aus Oberbayern haben jeweils in einer einjährigen intensiven Fortbildung Qualifikationen erworben, die sie für Bereiche fit gemacht haben, die scheinbar außerhalb ihrer Reichweite waren. Sie erwarben Fähigkeiten am Computer, lernten Einkaufen und mit Geld umgehen, wurden unabhängiger durch selbstständiges Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel und vieles mehr. "Auch Menschen mit geistiger Behinderung müssen mehr lernen als noch vor 50 Jahren, und wir wissen, dass sie dies auch können", blickt der Leiter des Bildungswerkes, Norbert Selleneit, wehmütig zurück.

Eines der Aushängeschilder der Einrichtung war das Magazin "Kleeblatt", das in gemeinsamer Redaktionsarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten 62 Mal erschienen ist. Geistig Behinderte lernten, mit Telefon und Mikrofon umzugehen, interviewten Prominente, schrieben über ihren Alltag und machten deutlich, worüber sie sich freuen und worunter sie leiden. Selleneit hofft, wenigstens das "Kleeblatt" auf die eine oder andere Weise retten zu können.

Der Geschäftsführer des HPCA, Rolf Pfizenmaier, macht seinem Herzen in einem Interview der vorläufig letzten Nummer des "Kleeblatt" Luft: "Das ist sehr ärgerlich, dass zur Zeit in der Gesellschaft allgemein alles nach Geld beurteilt wird. Fortbildung, wie sie hier in der Tabs gemacht wird, muss man nicht nach Euro und Cent berechnen, sondern nach Inhalten."

Norbert Selleneit, der auch einen Lehrauftrag an der Münchner Uni für Bildungsarbeit mit erwachsen Behinderten hat, hofft, dass auch das wichtige Wohntraining gerettet werden kann. "Dieses Angebot aufzugeben, ist besonders unsinnig, da der Regierungsbezirk ja will, dass möglichst viele behinderte Menschen, die das Potenzial haben könnten, in Begleitetes Wohnen umziehen sollen, um Kosten zu sparen." Und Selleneit fügt hinzu: "Unverständlich ist, dass an einem Zeitpunkt, zu dem Politikerkreise erkennen, wie bedeutsam die Bildung in allen Bevölkerungsschichten ist, die Erwachsenenbildung von Menschen mit geistiger Behinderung als überflüssig dargestellt und finanziell ausgetrocknet wird."

(Artikel vom 02.01.2006)