Kind der Erde und des Himmels

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Kind der Erde und des Himmels

Am 10. April vor 50 Jahren starb der "Pilger der Zukunft" Teilhard de Chardin (Termin: 10. April) (Korrespondentenbericht)

Von Christian Feldmann

"Kind der Erde" und "Kind des Himmels" wollte er sein, die leidenschaftliche Liebe zur Welt verband er mit einer tiefen Sehnsucht nach dem Fleisch gewordenen Gott. "Ich habe keinen anderen Ehrgeiz", so sagte Teilhard de Chardin einmal, "als die Spur eines logischen Lebens zu hinterlassen, das ganz gespannt ist auf die großen Erwartungen der Welt. Dort liegt die Zukunft des menschlichen religiösen Lebens."

Vor 50 Jahren, am 10. April 1955, starb in New York der Jesuitenpater Teilhard de Chardin. Mystischer Theologe, poetischer Visionär und exzellenter Naturwissenschaftler zugleich, gilt er als einer der weitsichtigsten Denker der Neuzeit. Zu seinen Lebzeiten durften jedoch - bis auf spärliche Ausnahmen - nur Teilhards paläontologische Fachaufsätze gedruckt werden.

Als Absolvent der Sorbonne und Professor für Geologie am Pariser Institut Catholique hatte der 1881 in einer Adelsfamilie geborene Jesuitenpater eine glänzende wissenschaftliche Karriere vor sich. Doch als er in seinem Bemühen um eine Versöhnung von Glauben und Wissenschaft die Bahnen traditioneller Theologie verließ, den Menschen das "bewussteste Molekül" in der Geschichte des Universums nannte und Gott die "Seele der Evolution", da schickten ihn seine Ordensoberen buchstäblich in die Wüste.

Ein Drittel seines Lebens war Teilhard de Chardin rastlos in den asiatischen Steppen unterwegs - immer auf der Suche nach Spuren urzeitlichen Lebens. Er war als geologischer Berater an der spektakulären Entdeckung des Peking-Menschen beteiligt, der vor mehr als einer halben Million Jahren bereits das Feuer nutzte und Steinwerkzeuge herstellte. Teilhard konnte beweisen, dass die Knochenreste tatsächlich von Menschen stammen. Das Chinesische Geologische Amt machte ihn zum offiziellen Berater, das Pariser geologische Laboratorium zum Abteilungsdirektor. Doch immer wenn er daranging, seinen christlichen Glauben in das Bild jener organisch aufgebauten, sich entwickelnden Welt einzubinden, die er erforschte, biss er bei den kirchenamtlichen Verwaltern dieses Glaubens auf Granit.

Erst in unseren Tagen findet Teilhards Bemühen, die Treue zur Erde und die Liebe zu Gott zu einer einzigen Leidenschaft zu verschmelzen, bis in den Vatikan hinein die verdiente Anerkennung. Ihm ging es um den inneren Sinn der Evolution. Die Schöpfung als ein für alle Mal abgeschlossener Akt, eine solche Vorstellung sei "dem Herzen der Schauenden unerträglich". "Nein, die Schöpfung hat nie aufgehört (...) Sie dauert noch an. Unaufhörlich, wenn auch unmerklich, steigt die Welt ein wenig mehr aus dem Nichts."

Die Evolution des Universums vollzieht sich nicht ziellos, sondern als stufenweiser Aufstieg in eine ganz bestimmte Richtung, hin zu immer komplizierteren Strukturen. Auf dieser Linie wachsenden Bewusstseins erscheint der Mensch als "das zuletzt gebildete, komplizierteste und bewussteste ‘Molekül’", als "die Knospe, in der sich das Leben konzentriert und arbeitet, die Knospe, in der sich die Blüte aller Hoffnungen noch verbirgt". Eine Vision, die den verantwortungsvollen, behutsamen Umgang mit der Schöpfung lehrt. Denn der Mensch, wie Teilhard ihn sieht, ist nicht mehr der absolute Herrscher über eine nur zu seinem Pläsier und Nutzen erschaffene Natur, sondern eingebunden in die "Biosphäre" alles Lebendigen.

Den in sich ruhenden Gott fern über der Welt hat Teilhard durch einen vorwärts drängenden, den Menschen mit sich in eine bessere Zukunft ziehenden Gott ersetzt, treu dem Exodus-Gott der hebräischen Bibel. Am Ende der Evolution sieht er eine kosmische Harmonie, eine fortschreitende "Vermenschlichung". Dass die Völker alle vor denselben Problemen stehen und zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte so etwas wie Solidarität zu entwickeln beginnen, dass ein einzelner Mensch heute mit einer einzigen Geste immer mehr Mitmenschen mitreißen kann, in Glück und Untergang - all das lässt Teilhard hoffen, dass "unter dem Druck des planetaren Schraubstocks" eine gegenseitige "Durchdringung und Verkittung der menschlichen Masse" erfolgen wird.

(Artikel vom 07.04.2005)