Der Pfarrer an der Seite von Hans und Sophie Scholl
Der Pfarrer an der Seite von Hans und Sophie Scholl
Film zeichnet authentisches Bild des Gefängnisseelsorgers (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Achim Schmid
In einer der eindringlichsten Szenen des Films "Sophie Scholl - Die letzten Tage" betet ein evangelischer Pfarrer in Talar mit der jungen Frau direkt vor ihrer Hinrichtung. Bei dieser Darstellung haben die Filmemacher eine historische Figur akribisch nachgezeichnet. Der Münchner Gemeindepfarrer Karl Alt, zu dessen Amtsbezirk auch das damals berüchtigte Gefängnis Stadelheim gehörte, hatte die schwere Aufgabe, die Todeskandidaten auf ihrem letzten Weg zu begleiten.
Am 22. Februar 1943 wurde der Pfarrer der Luther-Kirche im Münchner Stadtteil Giesing telefonisch in das Gefängnis gerufen, um den Geschwistern Scholl seelsorgerlich beizustehen. Wie der Pfarrer, der seit 1934 auch Gefängnisseelsorger in Stadelheim war, in seinen Erinnerungen schreibt, kam er "bebenden Herzens" in die Zelle von Hans Scholl. Denn der Pfarrer war sich nicht sicher, ob es ihm gelingen würde, dem jungen Studenten in der "allzu kurz bemessenen Frist seelsorgerlich nahe kommen" zu können.
Als überzeugter Christ gab jedoch Hans Scholl, der zusammen mit anderen Mitliedern der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" in einem Schnellgerichtsverfahren zum Tode verurteilt worden war, dem Pfarrer genaue Anweisungen: Er wollte vor seiner staatlich angeordneten Ermordung den Bibeltext das "Hohe Lied der Liebe" (1. Korinther 13) und den 90. Psalm "Herr Gott, du bist unsere Zuflucht" hören und das Abendmahl bekommen.
Auch mit der jüngeren Schwester von Hans Scholl betete der Pfarrer und feierte mit ihr das Abendmahl. Sie blieben solange im seelsorgerlichen Gespräch, bis der "Wächter an die Zellentür klopfte und sie hinausgeführt wurde", schreibt Pfarrer Alt. Sophie Scholl habe "aufrecht und ohne mit der Wimper zu zucken" letzte Grüße an ihren Bruder Hans ausgerichtet, der direkt nach ihr zum Fallbeil geführt wurde.
In ihren letzten Momenten ist den Geschwistern Scholl wenigstens die sadistische Tötungsart erspart geblieben, die unter dem Nazi-Regime in Stadelheim Einzug gehalten hatte: Die meisten Verurteilten starben nicht am Galgen oder durch das Fallbeil, sondern wurden im Stehen mit einem Strang zu Tode gewürgt. Dieses Verfahren habe, so der Augenzeuge Alt, "entsetzlich lange gedauert". Der Tod habe häufig erst nach Stunden festgestellt werden können.
Während der NS-Zeit wurde das Gefängnis Stadelheim zur Tötungs-Maschinerie. Von 1933 bis 1945 wurden über 1.200 Menschen hinter den Gefängnismauern hingerichtet, häufig wegen geringfügiger Vergehen wie kleinen Diebstählen oder auch nur der kleinsten Kritik am NS-Regime. An seinem ersten Arbeitstag im Gefängnis wurde Pfarrer Alt, der 1934 aus der beschaulichen schwäbischen Kleinstadt Kaufbeuren nach München gekommen war, unvermittelt Zeuge der Hinrichtung von Parteigängern des SA-Chefs Ernst Röhm, die ohne Prozess und ohne viel Federlesens an die Wand gestellt wurden.
Die Todesurteile ließ die NS-Justiz möglichst kalt und unbarmherzig vollstrecken. Die "Henkersmahlszeit" und die "letzte Zigarette" wurden verboten, das Kreuz wurde als "veraltetes Symbol" aus dem Hinrichtungsraum entfernt, und die Geistlichen duften mit den Todeskandidaten nicht mehr laut beten. Gegen diese Anweisung hat Gefängnispfarrer Alt, der zwar kein ausgewiesener NS-Gegner war, aber der oppositionellen Bekennenden Kirche nahe stand, erfolgreich protestiert. Dabei dürfte auf die Wächter wohl auch seine schwere Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg, ein verkrüppelter Arm, Eindruck gemacht haben.
Erst in den letzten Kriegstagen, am 13. April 1945, wurde die Stadelheimer Guillotine, auf der wohl auch die Geschwister Scholl ihr Leben lassen mussten, abmontiert und aus dem zerbombten München in das niederbayerische Straubing verfrachtet. Dort wurde die Tötungsmaschine jedoch nicht mehr in Betrieb genommen, sondern, wie Pfarrer Alt schreibt, in ihre Einzelteile zerlegt und bei Nacht und Nebel in der Donau versenkt. Der Gefängnispfarrer Karl Alt starb am 16. Juni 1951, im Alter von 54 Jahren. Seine alte Kriegsverletzung und die schrecklichen Stunden in Stadelheim hatten seine Gesundheit zerrüttet.
Hierzu hat epd-bild Fotos "Pfarrer1/2" über mecom-Bildfunk
verbreitet; auch abrufbar unter und Tel.:
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