Die charmante Mystikerin
Die charmante Mystikerin
Vor 725 Jahren starb Caterina von Siena (Korrespondentenbericht)
Von Christian Feldmann
Einen Dickschädel hatte sie schon als kleines Mädchen: Weil sie die Geschichten von den ägyptischen Wüstenvätern so beeindruckten, klemmte sie sich eines Tages ein Brot unter den Arm und marschierte durch das Stadttor von Siena hinaus, um die Wüste zu suchen. Damals war Caterina vielleicht sechs oder acht Jahre alt. Ihre Eltern besaßen eine Wollfärberwerkstatt im Armeleuteviertel von Siena.
Als junges Mädchen finden wir sie im Laienorden des heiligen Dominikus wieder, einer Gemeinschaft wohltätiger älterer Witwen. Als sie um die Zwanzig war, hatte Caterina bereits eine "famiglia" um sich geschart, einen bunt gemischten Verein aus gut situierten Frauen, Ratsherren, Mönchen, Künstlern, Bankiers, die allesamt fasziniert von diesem zielbewussten, klugen Geschöpf waren. Caterina scheint alles andere gewesen zu sein als eine bigotte Asketin, blutleer und selbstgerecht. Die Legenden lassen einen bezaubernden Charme ahnen.
Noch erstaunlicher als ihre Wirkung auf Menschen sind die ungeheuer selbstbewussten, mit flammenden Anklagen und zarten poetischen Bildern angefüllten Briefe, die sie an Könige und Schuster, Päpste und Schneider, Maler, Adelige, Klosterschwestern und Prostituierte schrieb. Das abseits der italienischen Bürgerkultur aufgewachsene Mädchen, das mit Mühe lesen gelernt hatte, vielleicht auch etwas Latein verstand, aber ganz sicher nicht schreiben konnte, hat 380 Briefe in einer sehr individuellen Sprache und mit einem logischen, gut argumentierenden Aufbau hinterlassen. Sie wurden angeblich Sekretären diktiert.
Eine wahre Brieflawine schickte Caterina nach Avignon. Der dort residierende Papst sollte sich aus seinen Abhängigkeiten lösen, nach Rom zurückkehren und die in irdische Händel und Machtkämpfe versunkene Kirche erneuern. Caterina beklagte die entstellte, von Habgier, Unbarmherzigkeit und Gewalttaten befleckte Kirche. "Ihr Herz, die glühende Liebe, ist ihr verloren gegangen", schrieb sie dem Nachfolger Petri, "gebt es ihr wieder zurück!" Machthunger und Besitzgier pflichtvergessener Purpurträger und Prälaten, die zu "Schmarotzern und Blutsaugern an den Seelen" geworden seien, machte sie für die Zustände verantwortlich.
Nach jahrelangem Lavieren setzte sich Papst Gregor XI. tatsächlich gegen den Widerstand seiner Neffen und Cousins, der Kurie und des politischen Frankreich durch und kehrte nach Rom zurück. Sein Nachfolger Urban VI., ein mönchischer Asket, bemühte sich zu Caterinas Entzücken zwar ernsthaft um Reformen, entwickelte sich aber zu einem reizbaren, gewalttätigen Despoten - und bekam die Quittung in Gestalt eines Gegenpapstes, der wieder in Avignon Wohnung nahm.
Politisch ist Caterina gescheitert. Zeitlos gültig ist jedoch ihre leidenschaftliche Mystik geblieben. "Feuer, das immer brennt" nennt sie ihren Gott, der ihr als pulsierendes Kraftzentrum erscheint und nicht als müde zuwartender Weltenrichter. Die Liebe Gottes hat uns geschaffen, Gott kann nichts als lieben. Sie nennt Gott einen "Narren aus Liebe", der seinem Geschöpf nachläuft, "trunken vor Sorge".
Caterinas langsames Sterben in Rom dauerte Monate. Obwohl sie an den Folgen einer Gehirnblutung litt, pilgerte sie jeden Morgen zwei Kilometer weit zum Petrusgrab, um dort bis zum Abend für die in Agonie liegende Kirche zu beten. Als ihr Leben verlosch, am 29. April 1380, war sie erst 33 Jahre alt.


