Der kleine Prinz stellt alles auf den Kopf
Der kleine Prinz stellt alles auf den Kopf
Ein kleiner Junge ist der große Schwarm im Mädchenheim (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Susanne Nusser
Er hat wunderschöne dunkle Augen und einen wilden, schwarzen Haarschopf: Dejan-Giuliano ist erste männliche Mitbewohner im Pasinger Mädchenheim des evangelischen Sozialwerks Innere Mission München. Und mit seinen mittlerweile vier Monaten ist er auch gleichzeitig der Star des Hauses. Doch ganz unproblematisch war seine Ankunft nicht.
Vor der Geburt hatten die werdende Mutter, die Heimleitung und die Pädagoginnen der Einrichtung noch einige knifflige Aufgaben zu lösen: Die 17-jährige Sevgi war von zu Hause weggelaufen und kam im vergangenen Juni über die Jugendschutzstelle ins Haus. Lange hatte das Jugendamt nach einem geeigneten Platz für Sevgi gesucht, bis es schließlich im Mädchenheim an der Oselstraße klappte. Dass sie im fünften Monat schwanger war, verschwieg die junge Frau zunächst.
Sevgi's Umstand fiel ihrer Betreuerin Anja Klein allerdings schnell auf. "Es war erstaunlich, mit welcher Klarheit sie sich dann für ihr Kind entschied und diesen Weg ging", erzählt die Pädagogin. Dabei waren die Voraussetzungen denkbar schlecht: Zwei versäumte Schuljahre, mit 17 immer noch keinen Abschluss und keine berufliche Perspektive. Die Nachricht, dass Sevgi ein Baby erwartete, verbreitete sich in Windeseile unter den Mädchen im Heim. "Wie willst Du das denn schaffen, in Deinem Alter?", fragten die einen Andere beneideten sie um die Aussicht, bald ein kleines Wesen ganz für sich zu haben.
Anja Klein, das pädagogische Team und die Heimleiterin Elvira Lehrer gaben der werdenden Mutter in dieser Zeit Halt und boten ihr einen geschützten Raum und ein Zuhause. Parallel suchten sie einen Platz in einer passenden Einrichtung, die Sevgi mit Kind aufnehmen sollte - vergeblich.
"Ganz vorsichtig haben wir dann darüber nachgedacht, sie bei uns zu behalten", berichtete Elvira Lehrer, die in ihren 26 Jahren Dienstzeit im Heim keinen vergleichbaren Fall erlebt hatte. Denn das Heim ist für die Aufnahme einer Mutter mit Kind eigentlich nicht ausgerüstet.
Wie das Miteinander nach der Geburt konkret funktionieren sollte, planten dann die Mitbewohnerinnen, die Pädagoginnen, die Abteilungsleitung und der Geschäftsführer der Inneren Mission gemeinsam mit dem Jugendamt. Die Mädchen räumten ein Zimmer am Ende des Flurs für Sevgi frei, damit sie möglichst weit weg sein konnte vom täglichen Trubel. Seit Mitte November ist der kleine Dejan-Giuliano nun auf der Welt. Selbstbewusst und sicher trägt Sevgi ihn durchs Zimmer. Elvira Lehrer reicht ihr ab und zu das Fläschchen und schildert den positiven Einfluss, den die Anwesenheit des Kleinen auf die Gruppe und auf das ganze Haus hat: "Sie halten fest zusammen und unterstützen Sevgi."
Die Heimleitung wird versuchen, Sevgi so lange wie möglich in diesem geschützten Raum zu belassen. "Sie muss selbstständig werden, lernen, mit Geld umzugehen und ihr Leben und das des Kindes zu gestalten", sagt Elvira Lehrer. Seit Februar hat der Kleine einen Platz in einer Kinderkrippe - das gibt Sevgi die Möglichkeit, sich um ihren Schulabschluss zu kümmern. Die Zukunft von Mutter und Sohn sieht Elvira Lehrer mit großer Zuversicht: "Sevgi ist eine starke Persönlichkeit und liebt ihr Kind von ganzem Herzen."
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