"Mein bisher wichtigstes Erlebnis"
"Mein bisher wichtigstes Erlebnis"
Dachauer Schülerin schrieb neues Kapitel im Gedächtnisbuch für KZ-Häftlinge (Korrespondentenbericht)
Von Barbara Link
Der "Train Fantôme" war einer der letzten Deportationszüge, der im August 1944 das Konzentrationslager Dachau erreichte. Zehn Schülerinnen aus Bayern und Frankreich haben jetzt die Lebensgeschichten einiger Deportierter recherchiert und aufgezeichnet. Am Dienstag, (22. März), dem Jahrestag der Errichtung des KZ, wird dieses deutsch-französische Projekt im "Gedächtnisbuch für die Häftlinge" vorgestellt.
Monika Böck vom Josef-Effner-Gymnasium in Dachau war eine der zehn Schülerinnen aus Frankreich und Bayern, die sich in Südfrankreich auf die Suche nach den "Namen hinter den Nummern" gemacht hat. Das ist nach den Worten von Klaus Schultz, Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, die Grundidee des Projektes Gedächtnisbuch, das seit 1999 läuft und jeweils "einen Häftling aus der anonymen Masse herausheben und ihm seine Individualität zurückgeben" soll. 80 solcher Biografien haben Schüler, Studenten, Angehörige und andere Interessierte verfasst. Alle Geschichten sind in dem großformatigen Buch in der Versöhnungskirche nachzulesen.
Die 18-jährige Monika hat in Bordeaux Renée Lacoude getroffen. Im Wohnzimmer des Sohnes saßen sich die beiden gegenüber. "Dieses Treffen war mein bisher wichtigstes Erlebnis", sagt die Schülerin, deren Französisch-Facharbeit sich mit der Geschichte der 87-Jährigen beschäftigen wird. "Ich war während des Interviews immer wieder den Tränen nahe. Und ich bin so dankbar, dass ich diese bewundernswerte Frau getroffen habe."
Die Chefsekretärin Renée Lacoude war Mitglied der Résistance, als sie am 14. Juni 1944 von der Gestapo verhaftet wurde. Zusammen mit anderen Mitgliedern der französischen Widerstandsbewegung, mit Juden und Antifaschisten wurde die 27-Jährige in die Tiertransport-Waggons des "Train Fantôme" gepfercht. Qualvolle Wochen lang fuhr der Zug in der Hitze des Hochsommers kreuz und quer durch das umkämpfte Frankreich. Viele überlebten die Deportation nicht. Als der Zug am 14. August 1944 Dachau erreichte, werden 543 Männer und Frauen registriert. Renée Lacoude kommt schließlich in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wo sie am 22. April 1945 durch das schwedische Rote Kreuz befreit wird.
Die Dachauerin Sabine Gerhardus begleitet das Gedächtnisbuch-Projekt. Die 41-Jährige hilft den Autoren in allen Phasen, sie vermittelt, berät, korrigiert und achtet auf die historische sowie wissenschaftliche Korrektheit. Momentan sucht die studierte Slavistin interessierte Biografen mit russischen und ukrainischen Sprachkenntnissen. Denn dank einer Spende des Versöhnungsfonds der Katholischen Kirche können die Recherchen auf Osteuropa ausgedehnt werden. Ende April kommt eine Gruppe ehemaliger Häftlinge von dort anlässlich der Befreiungsfeier des KZ Dachau nach Bayern.
Das Projekt "Train Fantôme im Gedächtnisbuch" wird am Dienstag (22.03.) um 19.30 im Kloster Karmel Heilig Blut an der KZ-Gedenkstätte vorgestellt. Die gleichnamige Ausstellung wird bis Ende Mai in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte zu sehen sein.


