Der Körper der Fotografie
Der Körper der Fotografie
Große Präsentation der Schweizer Sammlung Herzog im Haus der Kunst (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Rieke C. Harmsen
Ein Klick, ein Tastendruck: Schon ist das Foto per Handy in alle Welt verschickt. Die Fotografie verändert sich weit reichend und kontinuierlich - das macht auch die Ausstellung "Der Körper der Fotografie - Die Sammlung Herzog" deutlich, die das Haus der Kunst vom 6. April bis 12. Juni in München zeigt.
Ruth und Peter Herzog aus Basel gehören zu den profiliertesten Sammlern für Fotografie des 19. Jahrhunderts in Europa. In ihren Archiven haben sie annähernd 300.000 Werke zusammengetragen, darunter frühe Daguerrotypien bis hin zu unbekannten Schnappschüssen oder Souvenirbildchen. "Unsere Sammlung ist für mich ein riesiges Lebensmosaik. Jede menschliche Verrichtung, jeder Winkel der Erde wurde fotografiert", erklärte der Kunstsammler und Jurist Peter Herzog am Montag vor Journalisten in München.
Die Ausstellung im Haus der Kunst ist eine Art Schöpfungsgeschichte geworden. Das erste Foto beginnt mit dem Element Wasser und zeigt eine "Eissprengung im Hafen von Riga". Der Albuminabzug entstand um 1890, der Fotograf ist unbekannt. Das letzte Bild der Ausstellung ist eine Farbfotografie von 1969. Der Fotograf ist ebenfalls unbekannt, das Motiv aber weltberühmt: Es zeigt Neil Armstrong auf dem Mond.
Die über 700 Fotos, die zwischen diesen beiden Werken stehen, erzählen ihre Geschichte auf verschiedenen Ebene: Da gibt es die technische Seite, die die Geschichte der Fotografie rekonstruiert - von der Daguerrotypie, die 1839 erfunden wurde, über die Silbergelatinebilder, die Salzpapierabzüge bis hin zu farbstichigen Papierabzügen.
Aber die Werke erzählen auch von den Geschichten, Sehnsüchten und Träumen des Menschen: Die Architekturaufnahmen des frühen 19. Jahrhunderts lassen die Ehrfurcht des Fotografen spüren, die Porträts künden vom Wunsch des Menschen nach Ewigkeit, und die Dokumentarfotos um 1941, die "Gefallene Sowjets" neben "Juden beim Straßenbau" oder das "Waldlager Tschudowo 41" zeigen und von einem unbekannten Fotografen penibel in ein Album geklebt wurden, erschüttern noch heute.
Schließlich ist die Ausstellung die Geschichte eines Ehepaares, die im Mai 1974 auf einem Flohmarkt in Zürich das Foto "Spinnerinnen" entdecken und kaufen - und damit den Grundstock legen für eine Sammlung, die "Elemente des Erzählerischen, Dokumentarischen, Ästhetischen und sogar Komischen" enthält, wie sie es selbst formulieren.
Die Ausstellung vermag all diese Geschichten gleichzeitig zu erzählen. Das ist auch das Verdienst von Museumsdirektor Chris Dercron und Kurator Thomas Weski, die gemäß ihrem Programm auf eine ungewöhnliche Präsentation gesetzt haben. "Fotografie muss gelesen werden, damit die Wichtigkeit des Mediums anerkannt werden kann", erklärt Chris Dercron.
Und so wandelt der Betrachter durch die länglichen Räume wie durch einen geheimnisvollen Körper: Die Fotos werden nicht an der Wand, sondern in Steh-Vitrinen präsentiert, die Bildlegenden stehen in einem kleinen Begleitheft, das der Betrachter am Eingang erhält, und schwere Filzvorhänge trennen Kabinette ab, die auf Grund ihrer Beleuchtung an Schatzkammern erinnern.
Dem Betrachter wird es gehen wie Peter Herzog: "Die Masse fotografischer Bilder ähnelt einem Meer, das in seiner Unendlichkeit für jeden Menschen die ihn berührende Fotografie birgt. Diese gilt es zu entdecken!"
Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b050400.
Achtung: Ab sofort können Sie die Fotos direkt im Internet herunterladen unter !


