Für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Projekt für Nachhaltigkeit der "Anstiftung" von UNESCO ausgezeichnet (Korrespondentenbericht)

Von Katja Hees

München, ehemaliges Arbeiterviertel Haidhausen: In einem Hinterhof steht das Haus der Eigenarbeit, kurz HEI. Das Café hinter der Empfangstheke fällt auf: jeder Stuhl, jeder Tisch ein Unikat, skurril zusammengeschweißt aus alten Fahrradteilen und Schrott. Wer hier beim Bier sitzt, hat durch eine Glaswand freien Blick in die Holz- und Metallwerkstatt, auf große Schreinereimaschinen, Drehbank, Schweißgeräte. Auf ganz gewöhnliche Menschen, die drei bis sieben Euro für jede Stunde bezahlen, um hier ihre Ideen zu verwirklichen.

"Eigenarbeit ist das Gegenteil von Konsum", sagt Jens Mittelsten Scheid. Er gründete vor 23 Jahren die "Anstiftung", um zusammen mit Wissenschaftlern Projekte im Bereich der Eigenarbeit und regionalen Eigenversorgung zu fördern und ihre Wirkung auf die Gesellschaft zu erforschen. Das HEI in München ist eine seiner ersten, erfolgreichen Initiativen - hier arbeiten Menschen seit mehr als 18 Jahren.

Erklärtes Ziel der Anstiftung: Durch Eigenarbeit die Autonomie des Einzelnen zu stärken und so einen Beitrag für eine zukunftsfähige Gesellschaft zu leisten. Hehre Worte - die allerdings die UNESCO-Kommission überzeugten: Sie hat im März das "Kempodium", ein Zentrum für Eigenarbeit und regionale Eigenversorgung in Kempten im Allgäu, als offizielles Dekade-Projekt ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung prämiert sie Projekte, die sich um die "Bildung für nachhaltige Entwicklung" verdient machen. Das Kempodium gründete die Anstiftung vor fünf Jahren nach dem Vorbild des HEI, mit Laienwerkstätten für Holz, Metall, Fahrräder und Keramik, Kochwerkstatt und Werkstattcafé.

"Ich habe schon oft erlebt, wie die Leute beim ersten Besuch schüchtern und mit gesenktem Blick ins HEI hineinschleichen, und am Ende gehen sie völlig verändert wieder hinaus", so Mittelsten Scheid. Erst indem Menschen ihre materielle Umgebung gestalten, ihre Ideen verwirklichen, entdecken sie die Vielfalt ihrer eigenen Möglichkeiten - davon sind die Mitarbeiter der Anstiftung überzeugt. Der Stolz über das selbst gefertigte Produkt wirke geistig und emotional, sagt Mittelsten Scheid: Man komme ins Gespräch mit anderen, man erfahre, dass moralische, ethische, ästhetische und soziale Werte zählen - Werte jenseits des Geldwertes. Eigenarbeit steigere die Autonomie und das Selbstwertgefühl des Einzelnen. "Eigenarbeit führt letztendlich dazu, dass die Leute sich trauen, den Mund aufzumachen, sich einzumischen und selbst zu handeln", so der Gründer.

Einmischung, Autonomie - laut Mittelsten Scheid mangelt es der Konsum-Gesellschaft an diesen Merkmalen: "Die meisten Menschen nehmen die Dinge einfach so hin, wie sie ihnen vorgesetzt werden." Außerdem stört ihn, dass die gesellschaftliche Wertschätzung fast ausschließlich auf wirtschaftlichen Kriterien basiert. Und: "Vielfalt bedeutet Reichtum - geistig, emotional, kulturell."

Mittelsten Scheid ist 63. Früher war er in der evangelischen Jugendsozialarbeit tätig. Aus Unzufriedenheit über seine mangelnden Erfolge gründete er die Anstiftung: "Klassische Sozialarbeit analysiert meist die Defizite des Menschen und entwickelt dann Techniken dagegen", sagt er. Die Projekte der Anstiftung konzentrierten sich hingegen auf die Fähigkeiten des Menschen und förderten sie. "Weg vom Behandeln, hin zum Handlungsmöglichkeiten schaffen" nennt er das.

Durch die Eigenarbeit erfüllten sich "urchristliche Werte", meint Mittelsten Scheid. Dazu gehöre etwa, nach dem Vorbild der reichen Schöpfung Gottes gesellschaftliche Vielfalt wert zu schätzen. Das biblische Gebot "macht Euch die Erde untertan" wertet Mittelsten Scheid als Auftrag Gottes, Verantwortung zu übernehmen: "Wer nur konsumiert und die anderen machen lässt, verstößt gegen den Auftrag Gottes."

(Artikel vom 18.05.2005)