Eine Rettungsinsel mitten im Grünen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Eine Rettungsinsel mitten im Grünen

Die Rummelsberger Anstalten werden 100 Jahre alt (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von epd-Redakteur Peter Reindl

Mit zwölf fing Niko das Saufen an. Mit 16 kippte er drei Flaschen Wodka am Tag. Man fand ihn besinnungslos auf der Straße. Als Niko ins Jugendhilfezentrum nach Rummelsberg kam, wusste er: "Wenn ich das vermassle, ist Endstation." Vier Jugendheime und vier Pflegefamilien lagen da schon hinter ihm. Inzwischen kann der 18-Jährige offen über seine dunklen Jahre reden, über Schnaps, Schulschwänzerei und Schlägereien.

Mit Jungen wie Niko fing vor 100 Jahren in der Einöde Rummelsberg bei Nürnberg alles an. Heute sind die Rummelsberger Anstalten der Inneren Mission das sechstgrößte evangelische Sozialunternehmen in Deutschland. 5.300 Beschäftigte und 471 Millionen Euro Bilanzsumme: Ministerpräsident Edmund Stoiber weiß, warum er sich zum Jubiläumsfest am Himmelfahrtstag, 5. Mai, angesagt hat.

Wo 1905 der erste Diakon Rüben säte und missratene Jugendliche unter seine Fittiche nahm, wandelt der Besucher heute durch eine blühende Park- und Gartenlandschaft, eine 200 Hektar große Rodungsfläche im Nürnberger Reichswald mit 90 Gebäuden, an denen der Kenner sämtliche Architekturmoden des 20. Jahrhunderts ablesen kann. "Rummelsberg war immer ein Ort der Zuflucht, eine Rettungsinsel mitten im Grünen", sagt Karl Heinz Bierlein, Vorstandsvorsitzender der Rummelsberger Anstalten.

Was aus Niko wird, kann noch niemand sagen. Derzeit macht er eine Berufsausbildung in der Gärtnerei - einer von sechs Rummelsberger Lehrwerkstätten - und es scheint, er hält durch. Vielleicht gelingt den Heimerziehern mal wieder ein Wunder und sie holen einen, der schon verloren war, in die Gesellschaft zurück. Noch vor wenigen Jahren hätten die Rummelsberger Sozialpädagogen, Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen für ihren schwierigen Job anerkennendes Schulterklopfen geerntet. Heute erleben sie, wie die Stimmung in der Gesellschaft kippt.

Es macht sie wütend, wenn abschätzig über das Soziale geredet wird, wenn sie von Bezirken, Kommunen und Freistaat unter den Generalverdacht der Ressourcenverschwendung gestellt werden. Wohlfahrt gilt den Haushaltspolitikern als Sparmasse. Immer unverhohlener werden soziale Billiglösungen gefordert. Oder gar gefragt, ob Leute wie Niko das viele Geld überhaupt wert sind. Noch wird die Hand dabei vorgehalten. "Sozialstaat darf kein Schimpfwort werden", warnt Bierlein.

Vom Kindersorgentelefon bis zu den geschlossenen Plätzen des Pädagogisch-Therapeutischen Intensivbereichs reicht die Rummelsberger Palette der Jugendarbeit. Doch Jugendarbeit ist längst nicht alles. An 24 Standorten in Bayern betreiben die Rummelsberger Anstalten insgesamt 112 Einrichtungen und Dienste, von der Werkstatt für Behinderte im oberfränkischen Mainleus bis zur Kinder-Rheumaklinik in Garmisch-Partenkirchen, der weltweit größten Spezialeinrichtung für rheumakranke Kinder.

Die renommierte orthopädische Klinik in Rummelsberg hat ungezählten Patienten buchstäblich wieder zum Laufen verholfen. An elf Sozialschulen können Altenpflege, Kinderkrankenpflege oder Heilpädagogik erlernt werden. Es gibt Beratungsstellen für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzung, ein Berufsbildungswerk für Körperbehinderte und eine Clearingstelle für Flüchtlingskinder. Die Aufzählung würde kein Ende finden. Ein breit aufgestelltes Unternehmen heißt so etwas im Wirtschaftsjargon, man kann es auch einen sozialen Bauchladen nennen.

Aus dem Finanzdruck hat die Rummelsberger Diakonie Konsequenzen gezogen. Seit Jahresbeginn ist die größte Unternehmensreform ihrer Geschichte in Kraft. Der kopflastige Koloss "Anstalten" wurde in selbstständig handelnde Unternehmenseinheiten zerlegt, die beweglich reagieren, Verantwortung besser verteilen und auf eigene Rechnung wirtschaften sollen. Es gab lange Diskussionen. Am Ende ist Bierlein stolz darauf, dass die Neugestaltung über die Beharrungskräfte gesiegt hat. Von 5.300 Beschäftigten seien ganze zwei vor das Arbeitsgericht gezogen. Für Bierlein ein Beispiel funktionierender Unternehmenskultur.

Ihre Stabilität verdankt die Rummelsberger Diakonie vor allem ihren geistlichen Gemeinschaften. Fast 1.000 Diakone zählt die Rummelsberger Brüderschaft, fast 200 Frauen gehören der erst 1982 gegründeten Diakoninnen-Gemeinschaft an. Nachwuchssorgen kennt der Kirchen-Beruf, der eine theologische Ausbildung mit einer Fachausbildung im Sozialbereich verbindet, nicht. Seit Jahren gibt es mehr Bewerbungen als Ausbildungsplätze.

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(Artikel vom 25.04.2005)