Die Tragik eines Friedenspapstes

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die Tragik eines Friedenspapstes

Der letzte Papst Benedikt scheiterte im Ersten Weltkrieg

von Christian Feldmann (epd)

In den ersten Wochen des ersten Weltkriegs wird Benedikt XV., der Namensvorgänger von Joseph Ratzinger im Papstamt, zum Papst gewählt. Am 20. August 1914 war Papst Pius X. gestorben. Die zum Konklave versammelten Kardinäle entschieden sich für den in der Kirchendiplomatie bestens erfahrenen Erzbischof von Bologna, den sechzigjährigen Giacomo della Chiesa. Doch auf den neuen Papst - Benedikt XV. nennt er sich - wartet die heikle Aufgabe, Anwalt des Friedens mitten im Krieg zu sein.

Della Chiesa stammte aus einem alten Adelsgeschlecht; die weltläufige Atmosphäre einer mondänen Handelsstadt hatte seine Erziehung geprägt. Der junge Priester machte seine Arbeit in der vatikanischen Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten so gut, dass der berühmte Kirchendiplomat Rampolla auf ihn aufmerksam wurde.

Als Rampolla 1887 Kardinalstaatssekretär wurde, stieg sein Schützling schnell zum "Sostituto" auf, zum zweiten Mann der Behörde. Er konferierte mit den Bischöfen der Weltkirche, wenn sie ihre regelmäßigen Rom-Besuche absolvierten, und einmal pro Woche hatte er dem Papst Bericht zu erstatten.

Zum Papst gewählt, ließ der versierte Diplomat keinen Zweifel an seiner strikten Neutralität gegenüber den Kriegsparteien. Er sagte aber auch deutlich, was er vom dem Gemetzel hielt: Dieser Krieg sei eher "eine Schlächterei" als ein Kampf unter Männern. Verletzte Rechte ließen sich mit einem fairen Verhandlungsfrieden wirksamer wiederherstellen als mit Waffengewalt.

In einer am 1. August 1917, drei Jahre nach Kriegsausbruch, publizierten Friedensnote baute Benedikt den verfeindeten Lagern goldene Brücken, mit einer Fülle konkreter Details: kontrollierte Abrüstung, internationale Schiedsgerichte, wechselseitiger Verzicht auf Gebietsgewinn und Reparationen. Das Gleichgewicht der Mächte und die Ruhe der Völker, so Papst Benedikts Grundsatz, basierten weit mehr auf der Achtung vor fremden Rechten als auf der Stärke der eigenen Rüstung.

Doch die Vorschläge aus dem Vatikan ernteten lediglich höflichen Beifall. Letztlich ergebnislos waren auch die Versuche der päpstlichen Diplomatie, sich in die Geheimverhandlungen zwischen den verschiedenen Blöcken einzuklinken und einen Kompromissfrieden mit wechselseitigen Garantien zu vermitteln. Der Vatikan musste sich auf Samariterdienste beschränken; unter anderem erreichte er die Unterbringung von mehr als hunderttausend verwundeten Kriegsgefangenen in neutralen Ländern und den Austausch vieler kinderreicher gefangener Familienväter.

Papst Benedikt XV. steht auch für den Abschluss der systematischen Neufassung des Kirchenrechts. 1917 erschien der Codex Iuris Canonici: massiver römischer Zentralismus, aber auch mehr Rechtssicherheit in der Kirche. Zukunftsweisend war Benedikts Umgang mit den Missionsländern: Er leitete die Abkehr vom sogenannten Eurozentrismus ein und schuf die Voraussetzungen für die Heranbildung einheimischer Kleriker und Führungskräfte.

Am 22. Januar 1922 starb Benedikt an einer Lungenentzündung, 67 Jahre alt und im achten Jahr seiner Regentschaft. Seine letzten Worte waren ein Wunsch, die Welt möge endlich zum Frieden finden.

(Artikel vom 19.04.2005)