"Jetzt wissen wir, wofür wir gekämpft haben"

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

"Jetzt wissen wir, wofür wir gekämpft haben"

US-Truppen befreiten das KZ Dachau und die Überlebenden der Todesmärsche (Korrespondentenbericht)

Von Heinz Brockert

"Wir haben Dachau gesehen. Jetzt wissen wir, wofür wir gekämpft haben." So titelte das Nachrichtenblatt der 45. US-Infanterie-Division am Tag nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. "In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend", erinnert sich der Ex-Dachau-Häftling Nico Rost an den 29. April 1945. 32.000 Überlebende feierten ihre Retter.

Bei aller Freude über die Befreiung kam es im Lager auch zu dramatischen Szenen: In ihrer ersten Euphorie stürmten einige der Häftlinge voreilig den Befreiern entgegen und kletterten auf die Lagermauern. Dabei kamen sie mit den Starkstrom-Drähten in Kontakt. Sie starben ausgerechnet am Tag ihrer Befreiung. Die erste unkontrollierte Essensausgabe der US-Armee hatte zum Teil fatale Folgen: Hunderte starben, da ihr Organismus das Zuviel an ungewohnter Nahrung nicht verarbeiten konnte.

In den Wochen vor der Befreiung hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass die SS die Ermordung alle Häftlinge plane, um keine Zeugen ihrer Gräueltaten zu hinterlassen. Das Lager Dachau war zum Auffangort für Häftlingstransporte aus anderen KZs geworden. In Baracken mit je 200 Liegestellen drängten sich bis zu 1.600 Menschen. Die arbeitsunfähigen Häftlinge wurden von der SS in so genannten Invalidenblocks untergebracht, wo sie nur die Hälte der allgemeinen Essensration erhielten. Zudem durften sie sich untertags nicht in den Baracken aufhalten, was bei winterlichen Temperaturen für viele das Todesurteil bedeutete.

Am 26. April ließ die Lagerleitung 7.000 Häftlinge auf dem Appellplatz antreten und trieb sie von Wachmannschaften begleitet auf Märsche nach Süden. Danach setzte sie sich mit anderen Teilen der Wachmannschaften ab. Lediglich auf den Wachtürmen blieben SS-Leute zurück, die sich mit den US-Truppen noch ein kurzes Feuergefecht lieferten.

Von den Häftlingen, die auf die "Todesmärsche" geschickt wurden, kamen zwischen 1.000 und 3.000 durch Hunger und extreme Strapazen um. Sie mussten im Freien übernachten. Wer umfiel, wurde erschossen, mit dem Gewehrkolben erschlagen oder von Hunden tot gebissen. Mitleidige Menschen, die den Entkräfteten einen Schluck Wasser oder etwas Brot reichen wollten, wurden von der SS zurück getrieben. Am 1. Mai wurde im Ort Waakirchen bei Bad Tölz das Nachtlager aufgeschlagen. Als die Häftlinge am 2. Mai aufwachten, waren die SS-Leute vor anrückenden US-Panzern geflohen.

Kurz vor Befreiung des KZ hatten einige aus Außenlagern geflohene Häftlinge mit Bürgern Dachaus eine Widerstandsgruppe gegründet, die sich die kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner zum Ziel gesetzt hatte. Als am 28. April die Freiheitsaktion Bayern über den Rundfunk zum Widerstand aufrief, stürmten 20 bis 30 von ihnen das Dachauer Rathaus und entwaffneten die Polizei. Wenig später wurden sie von einer versprengten Waffen-SS-Einheit überrascht. Sechs der Aufständischen - darunter drei Ex-KZ-Häftlinge - wurden erschossen, die anderen konnten fliehen.

Im KZ Dachau waren Geistliche aus ganz Europa untergebracht worden. Rund 1.000 hatten ihr Leben dort gelassen. Nach der Befreiung feierten die überlebenden evangelischen, katholischen und jüdischen Geistlichen gemeinsame Gottesdienste. Die Amerikaner stellten das Lager zunächst wegen der seit Dezember 1944 grassierenden Typhusepidemie unter Quarantäne. Erst nach und nach konnten die einzelnen Nationalitätengruppen die Stätte ihres Leidens verlassen. Dachauer Bauern mussten auf Veranlassung der US-Armee die toten Häftlinge auf Friedhöfen in der Nähe bestatten.

Nach der vollständigen Räumung der Baracken zogen dort Flüchtlinge ein. Als die ehemaligen Häftlinge sich zehn Jahre nach der Befreiung zu einer Gedenkfeier trafen, stellten sie entsetzt fest, dass dort immer noch Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben. Das Internationale Comitee der Dachau-Häftlinge setzte sich nun für die Einrichtung einer würdigen Gedenkstätte ein. Zehn Jahre später wurde sie mit Ausstellungsräumen, Archiv und Bibliothek eingeweiht. Drei getrennte religiöse Gedenkstätten der evangelischen und der katholischen Kirche und der israelitischen Kultusgemeinde wurden auf dem Lagergelände errichtet. Nach der europäischen Wende 1989 kam ein russisch-orthodoxes Kirchlein dazu.

(Artikel vom 26.04.2005)