Aus dem Steigerwald ans Schwarze Meer

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Aus dem Steigerwald ans Schwarze Meer

Fränkischer Dekan leitet künftig lutherische Kirche in der Ukraine (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Beate Krämer

Während andere in seinem Alter schon an die Rente denken, startet Dekan Georg Güntsch aus dem unterfränkischen Castell noch einmal voll durch. Ab Oktober leitet der 63-Jährige die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU), nachdem der derzeitige Bischof Edmund Ratz (72) vor wenigen Tagen zum Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands, der Ukraine und Kasachstans (ELKRAS) gewählt wurde. Voraussichtlich im Herbst 2006 soll Güntsch Bischof der deutsch-ukrainischen Lutheraner werden.

In der Ukraine erwarten Güntsch und seine Frau Waltraud, von Beruf Psychiaterin, rund ein Dutzend Pfarrer und zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeiter in 40 Gemeinden. Am Dienstsitz, der Schwarzmeer-Metropole Odessa, habe sein Vorgänger vor allem Aufbau und Konsolidierung betrieben, so Güntsch. 2002 wurde das Haus der Kirche eingeweiht. Es beherbergt Bischofssitz und -wohnung, Räume für Verwaltung und Gemeindearbeit, die Diakoniestation und eine Tagungsstätte.

Die Aufgabe im Bischofsamt sei der Dekanatsführung sehr ähnlich, fasst Güntsch seine Erfahrungen nach mehreren Reisen in die Ukraine, zuletzt Mitte April, zusammen. Etwa sechs Mal pro Jahr treffen sich die Pfarrer und ihre Familien zur Diskussion über theologische Themen und die praktische Arbeit vor Ort. Diese Treffen hält Güntsch wegen der Diaspora-Situation für wichtig. Denn die Kirchenmitglieder sind die Gruppen in der Ukraine auf einem Staatsgebiet verteilt, das mehr als Eineinhalbmal so groß ist wie die Bundesrepublik.

Ein großes Projekt in den kommenden Jahren ist der Wiederaufbau der Kirche St. Paul in Odessa, seit einem Brand 1976 nur noch eine Ruine. In unmittelbarer Nachbarschaft soll ein "Deutsches Haus2 entstehen, eine Begegnungs-, Bildungs- und Kulturstätte. Auch Unternehmen könnten sich nach Vorstellung der Bundesregierung in ein solches Zentrum einbringen. Das Projekt ist Teil der Bemühungen des Bundes für deutsche Minderheiten im Ausland. Güntsch stellt sich die Aufgabe, Investoren aus Gemeinde und Wirtschaft zu finden.

Eine ähnliche Einrichtung, das "Bayerische Haus", besteht schon jetzt in Odessa. Hier arbeiten laut Güntsch der Freistaat Bayern, Landeskirche und Diakonie mit dem ukrainischen Staat und der Stadt zusammen. Zum Angebot gehören musikalische Veranstaltungen, eine Bibliothek, eine Sprachschule, Sozialarbeit, ein deutscher Kindergarten sowie ein Ausbildungszentrum, in dem Bauarbeiter ebenso geschult werden wie angehende Manager.

Kulturarbeit ist ein wichtiger Teil des kirchlichen Lebens. Deutsche Lutheraner haben eine 200 Jahre alte Tradition in der Ukraine, die aber während der kommunistischen Herrschaft weitgehend ausgelöscht wurde. Die Wiedergründung der Gemeinden Anfang der 90er Jahre erfolgte in Verbindung mit Kulturvereinen. Allerdings haben die lutherischen Gemeinden nach anfänglich großem Interesse viele Mitglieder durch Übersiedlung in den Westen verloren. Derzeit wird die Mitgliederzahl der ELKRAS auf knapp 16.000 geschätzt.

Jetzt öffnen sich die Gemeinden zunehmend für Ukrainer. Die Diakonie spielt eine wichtige Rolle. So schaffe die Kirche als Landeigentümer Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, so Güntsch. Ein Frauenkreis greife alten Menschen gleichermaßen materiell und geistlich unter die Arme. Große missionarische Möglichkeiten sieht Güntsch in der Jugendarbeit. Zu kirchlichen Ferienlagern kämen Hunderte junger Leute. So ist Deutsch längst nicht mehr die einzige Kirchensprache. Alle Gottesdienste und Vorträge werden in Deutsch und Russisch gestaltet. Im Gesangbuch stehen die Lieder in beiden Sprachen einträchtig nebeneinander - die Verse werden abwechselnd gesungen.

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(Artikel vom 09.05.2005)