"Für dies und das - deo gratias"
"Für dies und das - deo gratias"
Bamberger Geschichtsprofessor sammelt Tischgebete aus Franken (Korrespondentenbericht)
Von Thomas Greif
Wenn die Klöße im Refektorium des Franziskanerklosters Vierzehnheiligen in Oberfranken besonders verführerisch duften, muss es schnell gehen mit dem Tischgebet. Auf der Liste der klostereigenen Tischgebete findet sich nämlich dieses: "Für dies und das - deo gratias."
Ein gefundenes Fressen für Wolfgang Protzner, Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Bamberg. Denn innerhalb seines schon vor Jahren gestarteten Forschungsprojektes "Essen in Franken" ist das Kapitel mit den Tischgebeten noch ein weißer Fleck. Zufallsfunde wie jener aus Vierzehnheiligen sind glückliche Ausnahme. Tischgebete, weiß Protzner, folgen oft lokalen Überlieferungen und werden entweder gar nicht oder dort niedergeschrieben, wo man aus der Perspektive der universitären Forschung nur schwer hinkommt. So wird man etwa den Feuersteiner Tischsegen der katholischen Pfadfinder im Bambergischen kaum in einem theologischen Traktat der katholischen Kirche finden: "Herr, lass deinen Segen über diesen Teller fegen!"
Die Wurzeln des Tischgebetes liegen vermutlich im jüdischen Tischdank "Bekara", der als Lobpreis Gottes vor und nach dem Essen gesprochen und gesungen wurde. Bibelstellen im Matthäus- und Lukasevangelium weisen darauf hin, dass ihn auch Jesus gesprochen hat. Im Mittelalter rückte der Bittgedanke in den Vordergrund. Aus den "benedictio mensae", den Tischgebetsritualen in den Klöstern, entwickelten sich private Tischgebetsformen, die weite Verbreitung fanden, als sie Martin Luther in seinen Kleinen Katechismus aufnahm. Darunter eines der wahrscheinlich bis heute bekanntesten: Aller Augen warten auf Dich, Herr / und Du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit. / Du tust Deine milde Hand auf / und sättigest alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
Die Funktion des Tischgebets ist vielschichtig. "Es ist vor allem eine religiöse Reflexion über das Essen selbst", sagt Protzner. Im Dank für das Essen artikulierte sich ein allgemeiner Dank für die Existenz. Luther betonte die Möglichkeit, Kinder mit der Praxis des Gebets vertraut zu machen. Schließlich ist das Tischgebet die oftmals letzte Klammer zwischen Privatraum und Kirche.
Und es stirbt aus. Schon allein deshalb liegt Protzner schwer im Magen, dass seine Kollektion fränkischer Tischgebete bislang nur wenige Beispiele vorweisen kann - inmitten einer ansonsten opulenten Materialsammlung zum Thema "Essen in Franken", die vom keltischen Essen auf dem Staffelberg über das erste Kaffeehaus Frankens (es stand in Würzburg) bis zu einem Kriegskochbuch aus dem 20. Jahrhundert reicht. Der Professor hungert jedenfalls geradezu nach Einsendungen von Tischgebeten. Und sie mögen idealerweise so originell sein wie jenes, das in Vierzehnheiligen gesprochen wurde, wenn es nicht so pressierte:
Pantaleon, Pantaleon / etz fange mer zu essen on. / St. Barbara, St. Kathrein / schenkt an guten Wein uns ein. / St. Eustach und St. Veit / macht Gurgl und Magen weit. / An Gud'n!"
Kontakt: Prof. Wolfgang Protzner, Universität Bamberg, Am Kranen 12, 96045 Bamberg, Tel. (09 51) 863-2326, E-mail wolfgang.protzner@ggeo.uni-bamberg.de


