Israelitische Kultusgemeinde wehrt sich gegen Meiser-Gedenken

Meldung lang | epd - Landesdienst Bayern

Israelitische Kultusgemeinde wehrt sich gegen Meiser-Gedenken

Diskussion über Antisemitismus des früheren Landesbischofs schlägt hohe Wellen

In der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg herrscht Empörung über die Absicht der evangelischen Kirche in Bayern, dem früheren Landesbischof Hans Meiser (1881 – 1956) zu seinem 50. Todestag am 8.Juni in Nürnberg einen Gedenkgottesdienst zu widmen. Dankbarkeit gegenüber Meiser, dessen Antisemitismus sich des gleichen Jargons bedient habe wie der berüchtigte Nazi-Gauleiter und Judenhetzer Julius Streicher, sei fehl am Platze, heißt es in einem am Montag bekannt gewordenen Brief des Vorsitzenden der Kultusgemeinde, Arno Hamburger, an Landesbischof Johannes Friedrich.

"Ich behaupte, dass Hans Meiser wie Julius Streicher mit seinen Lügen und Verleumdungen über uns Juden den geistigen Grundstein dafür gelegt hat, dass Millionen meiner Glaubensschwestern und –brüder ermordet wurden", schreibt Hamburger. Man könne nicht eines Mannes würdig gedenken, der "Mitverursacher millionenfachen Mordes" sei. Hamburger fordert den Landesbischof auf, Konsequenzen zu ziehen, "um das hervorragende Verhältnis zwischen unseren Glaubensrichtungen nicht zu beschädigen".

Landesbischof Friedrich zeigte sich gegenüber den "Nürnberger Nachrichten" tief betroffen von dem Schreiben. "Das geht mir sehr an die Nieren", sagte er. Um Missverständnisse zu vermeiden, werde er nicht mehr von einem Gedenkgottesdienst sprechen, sondern von einer "Bedenk-Feier". In welcher Form diese ablaufe, müsse neu beraten werden. Es sei jedoch von Anfang an klar gewesen, dass es sich nicht um eine Jubelveranstaltung handeln werde, sondern um die kritische Würdigung eines widersprüchlichen Bischofs.

Nach Kriegsende war Meiser ein hoch geachteter Mann. Ihm wird bis heute zugute gehalten, dass er die bayerische Landeskirche vor dem Zugriff der Nazis bewahrt und Bedrängten in zahlreichen Einzelfällen Hilfe geleistet hat. 1955 erhielt er die höchste Stufe des Bundesverdienstkreuzes.

Nach seinem Tod benannten zahlreiche bayerische Städte, darunter München, Nürnberg, Ansbach und Bayreuth, Straßen nach ihm. Im Zuge der Diskussion über Meisers Judenfeindschaft ist in Nürnberg eine Debatte um die Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße entbrannt. Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) und der evangelische Stadtdekan Michael Bammessel wollen gemeinsam einen unabhängigen Historiker mit der Untersuchung von Meisers Rolle während der NS-Zeit beauftragen. Das Ergebnis soll die Grundlagen für eine Stadtratsentscheidung legen.

"Wir brauchen eine Gesamtschau Meisers" sagte Bammessel. Die evangelische Kirche distanziere sich unzweideutig von Meisers antisemitischen Äußerungen. Bei der Würdigung seiner Person müsse allerdings auch berücksichtigt werden, dass er von den Nazis ganz und gar nicht als Kronzeuge ihres Judenhasses begriffen, sondern massiv angegriffen worden sei. "Bevor wir Straßenschilder abschrauben, sollten wir uns an die Zeit erinnern, als die Nazis die Parole "Fort mit Landesbischof Meiser" in der ganzen Stadt plakatierten", sagte er.

(Artikel vom 10.04.2006)