Erfindergeist gegen Arbeitslosigkeit

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Erfindergeist gegen Arbeitslosigkeit

Seit zehn Jahren beschäftigt die diakonia arbeitslose Menschen mit Handicaps

Von Susanne Petersen

Angefangen hat es mit einer mobilen Hausmeisterei, heute tummeln sich acht Kleinunternehmen vom Web-Designer bis zum Gebrauchtwarenhaus unter dem Dach der "diakonia". Der soziale Beschäftigungsbetrieb der Inneren Mission München wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. Inzwischen beschäftigt die Einrichtung rund 220 Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance bekommen: weil sie schlecht deutsch sprechen, Schulden haben, körperlich oder psychisch krank sind oder nur in Teilzeit arbeiten können. "Ein festes Arbeitsverhältnis zu haben, ist aber die zentrale Voraussetzung, um seine sozialen Probleme zu bewältigen", sagt Geschäftsführer Dieter Sommer.

Ein "Kuschelklima" gibt es bei der diakonia nur bedingt. Zwar ist es wichtig, dass sich die Mitarbeiter in den familiären Einheiten geschätzt fühlen. Zugleich müssen sich die Integrationsbetriebe in einer "marktnahen Situation", wie Sommer es nennt, behaupten. Im Klartext: Wenn niemand die Dienstleistung kauft, muss der Betrieb schließen – Handicap hin oder her.

Deshalb erwartet der Sozialpädagoge Sommer, dass die oft schon lange arbeitslosen Menschen, die zu ihm kommen, "sich darauf einlassen, etwas Neues kennenzulernen". Im Gegenzug nehmen die Betriebe Rücksicht darauf, wenn jemand nur zwei Stunden am Stück arbeiten kann oder sich erst wieder an die Leistungserwartungen eines festen Jobs gewöhnen muss. Sommers Leitgedanke ist, "die Menschen mit ihren Ressourcen kennenzulernen und entsprechend ihrer Fähigkeiten einzusetzen."

Dafür gibt es vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten: Handwerk, Hauswirtschaft, aber auch Verwaltung und EDV. Manche Geschäftsidee musste im Lauf der Jahre modifiziert werden: Aus der mobilen Hausmeisterei wurde mangels Nachfrage ein Malerfachbetrieb, mittlerweile Innungsbetrieb, der mit Firmen des ersten Markts konkurrieren kann. Auf diese Professionalität ist Sommer stolz: "Die Qualität war in den ersten Jahren nicht immer zufriedenstellend – auch das war ein Entwicklungsprozess." Jetzt bildet die diakonia selbst aus. Neun Azubis, junge Leute mit Schulproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten, haben im Herbst ihre Stellen angetreten.

Bayernweit betreibt die Diakonie 23 Beschäftigungsinitiativen mit rund 1.000 Mitarbeitern, die sonst keine Stelle finden und sich in den Betrieben Zusatzqualifikationen erwerben können. Die Struktur ist überall ähnlich: Bei der diakonia sind 30 Prozent der Beschäftigten über 50 Jahre alt, knapp die Hälfte sind Frauen. Ein Drittel der Mitarbeiter stammen aus dem Ausland, 44 Prozent haben eine Behinderung, sechs Prozent arbeiten Teilzeit.

Die diakonia ist in einigen Marktlücken erfolgreich: die TipTopBox sammelt und verkauft leere Tonerkartuschen, "inhouse" liefert hauswirtschaftliche Rundumversorgung für Kindertagesstätten, die Secondhand-Boutique "kleidsam" bietet hochwertige gebrauchte Damenkleidung und das Gebrauchtwarenhaus verkauft nicht nur Trödel, sondern in seiner Filiale "lebhaft" auch alte Liebhaberstücke.

Der Gesamtumsatz lag im vergangenen Jahr bei etwa 4,5 Millionen Euro. 35 Prozent davon erwirtschaftet die diakonia selbst. Aus staatlichen Zuschüssen werden unbefristete Stellen für Schwerbehinderte, feste Minijobs als Zuverdienst für psychisch Kranke und Ein-Euro-Job-Verträge finanziert.

Die Arbeitsmarktreform Hartz IV erwies sich als ein Härtetest: Arbeits- und Sozialamt fielen als bewährte Partner weg, der neue Ansprechpartner ARGE musste erst gegründet werden und hat heute noch mit Strukturproblemen zu kämpfen. "Die Vermittlung von Arbeitslosen läuft schleppend", sagt Sommer, dem deshalb manchmal geeignete Mitarbeiter für seine Betriebe fehlen. Bis sich das ändert, steckt er die Ziele der diakonia eher vorsichtig: "Wir wollen unsere Eigenertragsquote auf 37,5 Prozent steigern, moderat im allgemeinen Markt wachsen und gute Qualität zu marktüblichen Preisen liefern".

Doch Sommer wäre nicht er selbst, wenn er nicht schon wieder neue Geschäftsideen spinnen würde. Gemeinsam mit der Stadt München will er ein Konzept zur Verwertung von Alt-Textilien entwickeln, das Arbeitsplätze für Schwerbehinderte schafft. Eine Putzlumpenfabrikation. Oder ein Knopfstudio.

Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b060260/ b060261/ b060262.

(Artikel vom 24.04.2006)