Ein Ritter im Pfarrhaus

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ein Ritter im Pfarrhaus

Der Kammersteiner Pfarrer Martin Bek-Baier erinnert an historisches Bewusstsein

Von Thomas Greif

Durch den farbenfrohen Mittelaltermarkt schreitet eine imposante Rittergestalt. Ein rot-weißer Wappenrock, Kettenhemd und Turnierhelm, dazu ein mächtiges Schwert sind die Insignien seiner Würde. Manche stehen auf und verbeugen sich in gespielter Unterwürfigkeit vor Ramungus I. von Kammerstein. Und nur die ganz Einheimischen wissen, dass der Schwertträger im wahren Leben Martin Bek-Baier heißt und der Pfarrer der evangelischen Gemeinde Kammerstein (Dekanat Schwabach) ist.

Mit seinem Mittelalter-Faible hat der Pfarrer er in seiner fränkischen Gemeinde nicht nur einem neuen Geschichtsbewusstsein zum Durchbruch verholfen, sondern sich auch ganz neue Seelsorgewege erschlossen. Zum zweitägigen Sagenfest, das der Pfarrer seit ein paar Jahren im Zusammenspiel mit der politischen Gemeinde auf die Beine stellt, kommen inzwischen Tausende von Gästen in das Dorf im Schwabacher Hinterland. Wenn Bek-Baier nach dem Familiengottesdienst unter dem Rathaus-Nussbaum mit vielen von ihnen zur Waldlichtung auf dem Heidenberg wandert, um dort aus dem fast vergessenen Geschichtenschatz der Alten zu erzählen, enden die meisten Gespräche in Glaubensdingen. "Und wenn es über den Umweg des Aberglaubens ist", sagt er.

Von dem waren die Köpfe der Bauernfamilien bis vor ein, zwei Generationen noch voll. Zum Kammersteiner Allgemeingut gehörte zum Beispiel die Geschichte von dem Drud, der einem Fuhrmann den Fuss, als Speiche getarnt, ins Wagenrad stellte, um ihn am Weiterfahren zu hindern. Der Fuhrmann, nicht dumm, riss die überzählige Speiche kurzerhand raus, der Drud jammerte vor Schmerzen. Nachts, so erzählten die Alten, kommt er und würgt einen.

Ihrem Pfarrer konnten die Leute ihren Aberglauben früher nicht erzählen, weiß Bek-Baier: "Meine Vorgänger wären ja ausgerastet." In der Christenlehre hatten derlei Dämonen- und Zaubergeschichten keinen Platz. Sie entfalteten sich im geistigen Untergrund und gingen mit dem Kulturbruch der Nachkriegs-Modernisierung verloren. Der bärtige Hüne, dem man den Ritter willig abnimmt, erzählt sie auch mal gerne in mittelalterlicher Gewandung auf dem nächtlichen Dachboden einer Bibliothek oder im Kindergarten. Dass es dort zum Schluss ganz unauthentische Kartoffelsuppe gibt, zeigt, dass er nicht zu den Puristen gehört, die zum Mittelaltermarkt in leinernen Unterhosen oder mit selbst geschnitzten Holzlöffeln erscheinen: "Es soll ja auch Spaß machen."

Die Geschichten sind nicht der einzige Schatz, den Martin Bek-Baier in Kammerstein gehoben hat, wo er sich das Amt mit seiner Frau Sabine teilt. Der Pfarrer, der als Jugendlicher heftig mit dem Archäologiestudium geflirtet hatte, grub mit einer Hand voll eigens geschulter Helfer die Grundmauern der vergessenen Ortsburg aus, von der aus einst besagter Ritter Ramungus über die nahe Reichsstraße nach Süden spähte. Ein Denkmal im Ortszentrum erinnert inzwischen an die österreichische Herkunft eines großteils der Bauernfamilien, deren Vorfahren im 17. und 18. Jahrhundert als Glaubensflüchtlinge nach Franken kamen. Und es kann kein Zufall sein, dass die Gemeinde Kammerstein in den vergangenen Jahren gleich zwei Mal kirchliche Innovationspreise für besondere Kreativität gewann.

Das Kammerfester Sagenfest beginnt am Samstag (6. Mai) um 11 Uhr mit einem Rittermarkt am Rathaus. Am Sonntag, 7. Mai, ist dort um 10 Uhr Gottesdienst, anschließend startet die Wanderung zum Festplatz im Heidenberg.

(Artikel vom 05.05.2006)