Die Befreiung der SS-Geiseln in der "Alpenfestung"
Die Befreiung der SS-Geiseln in der "Alpenfestung"
Wie Pfarrer Niemöller und andere "Sonderhäftlinge" das Kriegsende erlebten (Korrespondentenbericht)
Von Heinz Brockert
"Liebste Frau. Die Verschleppung nach Süden beginnt. Unser Ziel wissen wir nicht." So beginnt der evangelische Pfarrer Martin Niemöller am 24. April 1945 eine letzte Karte aus dem Konzentrationslager Dachau an seine Frau Else, bevor er mit 139 Sonderhäftlingen und Sippenhäftlingen der Nazis auf einen ungewissen Transport geschickt wird. "Bleib tapfer für unsere Kinder, und der treue Gott behüte Euch! In Seiner Heimat finden wir uns wieder, falls es auf dieser Erde nicht mehr sein soll", fügt er hinzu.
Niemöller, Johann Neuhäusler, der spätere katholische Dompfarrer von München, Leon Blum, der ehemalige Ministerpräsident Frankreichs, Kurt von Schuschnigg, der frühere österreichische Bundeskanzler, hochrangige Militärs aus England, Russland, Italien, Griechenland, Ungarn und verhaftete Verwandte der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 gehörten zu den prominenten Gefangenen, die gegen Kriegsende zunächst aus Strafanstalten in Deutschland und anderen KZs in Dachau zusammengezogen wurden und über Innsbruck ins Hochpustertal in den Dolomiten gebracht wurden.
Die historische Forschung ist sich über die Motive der Nazis nicht ganz einig. Möglicherweise hatten auch einzelne Gruppen in Staatssicherheitsdienst, SS und Partei unterschiedliche Absichten mit diesen prominenten Gefangenen. Der Dachauer Journalist, Zeithistoriker und Schriftsteller Hans-Günter Richardi, der seit 15 Jahren zu dem Komplex der von Geheimnissen umwobenen "Alpenfestung" als letztes Rückzugsgebiet der Nazis forscht, hat jetzt ein umfangreiches Werk "SS-Geiseln in der Alpenfestung - Die Verschleppung prominenter KZ-Häftlinge aus Deutschland nach Südtirol", Verlag: Edition Raetia, Bozen (Italien) vorgelegt, das auch eine Fülle von Originalzeugnissen und weiterem bisher unbekannten Material zum Schicksal von Hitlers Sonderhäftlingen enthält.
Richardi, der den Verein "Zum Beispiel Dachau - Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte" mit gegründet hat, geht davon aus, dass SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die prominenten Häftlinge als Faustpfand für mögliche Verhandlungen mit den Alliierten nach Südtirol brachte. In den Köpfen vieler Nazis spukte immer noch die Vorstellung, mit den Westalliierten gegen den Bolschewismus marschieren zu können. Niemöller und die anderen waren aber keinesfalls in Sicherheit, denn die Wachmannschaften des Transports bestanden aus SS-Killern, die auch schon auf eigene Faust gehandelt hatten.
In der 1.000-Seelen-Gemeinde Niederdorf im Hochpustertal landete der Zug der prominenten Nazi-Häftlinge schließlich. Am 30. Mai wurden sie von Soldaten der deutschen Wehrmacht unter dem Kommando des Hauptmanns Wichard von Alvensleben aus der Gewalt der SS befreit und in dem bekannten Hotel "Pragser Wildsee" untergebracht, bis dort am 4. Mai amerikanische Soldaten eintrafen. Niemöller und die anderen wurden zunächst zur Vernehmung nach Süditalien und schließlich nach Capri gebracht. Dort endete ihre Odyssee.
Richardis Werk entstand mit Hilfe der Gemeinde Niederdorf, der Südtiroler Landesregierung und Caroline M. Heiss, der Enkelin der Hotelbesitzerin Emma Heiss-Hellenstainer, die vor 60 Jahren die Befreiten aufnahm und in der Hotelkapelle am See den ersten Gottesdienst mit ihnen feierte. Dort sind auf einer Tafel die Namen aller 139 zu lesen. In Niederdorf wurde am 29. April unter Schirmherrschaft des Südtiroler Landeshauptmanns Luis Durnwalder eine Ausstellung "Rückkehr ins Leben" über die dramatischen Vorgänge bei Kriegsende eröffnet, die bis Oktober zu sehen ist. Dort wurde auch Richardis Buch vorgestellt.
Als Leihgabe der Gemeinde Niederdorf sind Teile der Ausstellung jetzt im Rathausfoyer in Dachau bis zum 10. Juni zu sehen. Die Öffnungszeiten sind: Montag bis Freitag 8 bis 12 Uhr, Donnerstag auch 14 bis 18 Uhr.


