Ein Notanker für traumatisierte Flüchtlinge
Ein Notanker für traumatisierte Flüchtlinge
Psychosoziales Zentrum betreut die Opfer der Unmenschlichkeit (Korrespondentenbericht)
Von epd-Redakteur Peter Reindl
In unscheinbaren Büroräumen in der Nürnberger Nordstadt treffen sich die, die den Irrsinn dieser Welt nicht aushalten. Die Bosnierin wurde vergewaltigt, weil sie dem falschen Volk angehört. Der Angolaner wurde halb tot geschlagen, weil er die falsche Partei unterstützte und der Iraner verlor seine Heimat, weil er den falschen Glauben hat. "Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge" steht an der Eingangstür.
Das Nürnberger Psychosoziale Zentrum ist neben dem Münchner Beratungszentrum für Folteropfer "Refugio" die einzige Stelle in Bayern, die auf psychologische Beratung und Psychotherapie für schwer traumatisierte Flüchtlinge spezialisiert ist. Aus ganz Nordbayern kommen Hilfesuchende nach Nürnberg, geschickt von Ausländerbehörden oder Schwangerenberatungsstellen, die mit dem Verhalten ihrer Klienten nicht klar kommen. Oder sie kommen aus eigenen Stücken, getrieben von der Angst, irgendwann durchzudrehen.
"Sie sind nicht verrückt, Sie reagieren normal auf das Unnormale und Unfassbare", macht die Psychologin Daniela Spendla ihren Klienten begreiflich. Posttraumatische Belastungsstörung heißt das Leiden im Fachjargon. Spendla kann den Bedrohungsdruck im Herkunftsland und die Ungewissheiten des Exils nachempfinden. 1982 kam sie selbst als politischer Flüchtling aus der Tschechoslowakei.
Im Psychosozialen Zentrum lässt sich die Chronologie der internationalen Krisenherde nachlesen. Erst kamen die boat-people aus Vietnam und Kambodscha, dann die Eritreer, die Iraner und Iraker, die Bosnier, Kosovaren und die Kaukasusvölker. Wenn sie die Beratungsstelle betreten, fragt sie niemand nach dem Pass. "Wir sehen die Flüchtlinge nicht als ordnungspolitisches Problem, sondern als Menschen", sagt Fritz Blanz von den Rummelsberger Anstalten, zu denen das Psychosoziale Zentrum gehört.
Wer Flüchtling ist, kann viele Rechtstitel haben: Duldung, Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsbefugnis, Gestattung oder Grenzübertrittsbescheinigung. "Die meisten sitzen auf dem Schleudersitz", weiß die Sozialpädagogin Uta Bauer, die schon seit 20 Jahren Flüchtlingsarbeit macht. Wie ein Damoklesschwert hängt diese Ungewissheit über dem Therapiegeschehen. Erst mit dem gesicherten Bleiberecht wendet sich häufig auch die Krankheit. Mit Kopfschütteln quittieren die Beraterinnen deshalb, dass nach dem neuen Zuwanderungsgesetz selbst anerkannte Asylbewerber sich nach drei Jahren noch einmal einer rechtlichen Überprüfung stellen müssen.
Viele Klienten kommen aus Asyl-Unterkünften, aus Lebensumständen also, die alles andere als förderlich für die Genesung sind. Wenn es gelingt, sie mit gutachterlichen Stellungnahmen da herauszuholen, ist das schon ein Erfolg. Wie im Fall der Eritreerin, die mit sechs Kindern, von denen zwei körperbehindert waren, zehn Jahre lang in zwei Zimmern einer Asylbewerber-Unterkunft leben mussten. Drei Jahre lang mussten die Beraterinnen kämpfen, bis sie endlich in eine eigene Wohnung durfte. Psychologin Spendla sagt, wie viel das bedeutet: "Endlich ein Gefühl von Sicherheit und Intimität."
Kann sie eigentlich ausschließen, dass Flüchtlinge sich mit vorgeblichen psychischen Störungen vor der Abschiebung retten wollen, wie es das bayerische Innenministerium immer wieder mal anklingen lässt? Selbstverständlich habe sie diesen Gedanken präsent, sagt die Psychologin. "Aber wer das über mehrere Sitzungen schafft, der muss schon ein großer Schauspieler sein." Ihr fachliches Urteil lässt keinen Zweifel: "Diese Leute sind wirklich krank, oder ich merk's."
Trotz stark sinkender Asylbewerberzahlen hat der Andrang in der Nürnberger Beratungsstelle nicht abgenommen. Ende 2004 musste sogar ein Aufnahmestopp verhängt werden. Stark rückgängig sind allerdings die Zuschüsse. Zwischen 2002 und 2004 hat der Freistaat Bayern seinen Anteil um 50 Prozent reduziert, die evangelische Landeskirche um zehn Prozent. Insgesamt waren das fast 65.000 Euro Kürzungen, Stellenabbau war die Folge. "Der Kostendruck ist der Mühlstein, mit dem die Flüchtlingsarbeit zermahlen wird", sagt Blanz.


