Flucht in den Münchner Garten Eden
Flucht in den Münchner Garten Eden
Wie die Gärten der Kulturen ein Stück Heimat für Migranten wurden (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Katja Hees
Lauchzwiebeln, schlaff von der Hitze, und Samentütchen für Gurken und Dill stecken in staubigem Boden. Kein Schatten. Samstag, 17 Uhr 30: Im Münchner Gärten der Kulturen taucht Ramzi Khuri auf, und mit ihm kommt das Wasser: Ein Blick auf die Dürre, ein Gang zum Schuppen, dann steht er mit dem Schlauch an den Beeten und lässt es in hohem Bogen sprühen. Ein kleiner Mann, Palästinenser. Über Journalisten wundert er sich nicht mehr: Nachdem das Gartengelände vor gut einem Jahr eröffnet wurde, war sogar das Fernsehen hier.
Ramzi gehört zum "harten Kern" in den Gärten. Zufällig hatte er erfahren, dass im Rahmen eines sozialen Projektes in München-Neuhausen Gartenbeete für Flüchtlinge eröffnet werden sollen. "Ich ging hin, weil ich so menschenscheu bin", sagt er und lacht. Im Gelände der Waisenhausgärtnerei traf er auf Ausländer, die er nicht kannte, und auf rund 2.000 Quadratmeter Land, zum großen Teil überwuchert von hüfthohen Gräsern und Unkraut. Einigen aus der Gruppe sei die Sache hoffnungslos erschienen: "Die sagten, das kann man doch nicht bebauen". Ramzi blieb, und mit ihm eine Türkin, ein Afghane, eine Bosnierin, ein Albaner, ein Kurde und eine deutsche Familie.
Ramzi - als studierter Architekt - erarbeitete im Frühjahr 2004 zusammen mit dem Deutschen die Pläne für die künftigen Beetparzellen. Unter der Leitung der evangelischen Pfarrerin Sabine Böhlau wurde ein Verein gegründet, der Geräte, einen Schuppen und ein Dixi-Klo anschaffte. Das Geld dafür kam von der Münchner Bürgerstiftung. Zusammen legten sie sechzehn Beete an, eine Wiese mit Tisch, Bänken und einem Obstbaum. "Später kamen weitere Leute dazu, Libanesen, einer aus der ehemaligen Sowjetunion und ein anderer Afghane, aus einer anderen ethnischen Gruppierung", sagt Ramzi. Jetzt reichen dem Projekt 100 Euro pro Parzelle und Jahr. Dennoch ist der Verein auf Spenden angewiesen. Die meisten Gärtner, so Projektleiterin Böhlau, seien sehr arm: Asylbewerber oder arbeitslos. Für ihre Parzelle zahlen sie Beiträge zwischen null und einhundert Euro pro Jahr - je nach Einkommen.
Ali Ahmad Nadem ist der zweite Afghane in den Gärten der Kulturen. Auf einem Mountainbike rollt er in die Gartenanlage ein. Ali sprudelt, Schweißperlen auf der Stirn. Er ärgert sich über das Arbeitsamt, Ramzi beschwichtigt: "Hier kannst Du Deine Sorgen vergessen." Aber Ali will reden, obwohl es ihn anstrengt, denn viele deutsche Wörter kennt er noch nicht: Seit fünf Jahren und zwei Monaten sei er in Deutschland. Mit seiner Frau und vier Kindern wohnt er im Rosa-Luxemburg-Heim für Asylbewerber, 24 Quadratmeter für sechs Personen, durch die Decke drückt das Wasser.
Ali bekommt Essenspakete und Taschengeld. München darf er nicht verlassen. Welchen Beruf er früher hatte, in Afghanistan? "Offizier", sagt er, und "Flugzeug, Tower", seine Arme imitieren startende und landende Maschinen, das Gesicht hellt sich auf. Dem Manager seines Wohnheims habe er schon viele Briefe geschrieben: Bitten um Abhilfe wegen des Wassers, das durch die Decke drückt, wegen des zu kleinen Wohnraums. Erreicht habe er nichts.
Drüben, am Rand seines Beets, präsentiert er diverse Kräuter. "Gandana" nennt er, was aussieht wie hartes Gras, "Dratesak" das Kraut daneben. Die deutschen Namen kennt er nicht, die Samen kommen aus Afghanistan. Ali fährt mehrmals pro Woche in die Gärten. Warum? Wegen der Ruhe und der Freiheit. Hier entflieht er der erdrückenden Enge des Wohnheims, hier spielen seine Kinder, im Heim werden sie geschlagen, sagt er. Im Garten lernt Ali Deutsch, von Leuten wie Ramzi, die die Sprache perfekt oder gut beherrschen. Das Kraut, das Ali "Gaschnies" nennt, erkennt Ramzi als Koriander.
Auf dem Weg zum Ausgang ruft Ramzi Ali zu: "Du hast ja ein Kapitalistenfahrrad!" Ali versteht nicht, Ramzi wiederholt: "Dein Fahrrad, Du bist ein Kapitalist!" Ali schaltet, lacht zum ersten Mal, ruft zurück: "In Afghanistan, nicht hier!" Er hält den Schlauch ruhig, die Abendsonne beleuchtet sein Gesicht. Dann dreht er das Wasser ab, erntet eine Hand voll seiner Lauchzwiebeln und schenkt sie her. Heute hat er etwas zu geben.


