Ein General gegen Hitler
Ein General gegen Hitler
Um Ludwig Beck sammelte sich der militärisch-bürgerliche Widerstand (Korrespondentenbericht)
Von Christian Feldmann
"Ich habe ihn seit Jahren erhofft", schwärmte der zweiundfünfzigjährige Reichswehrgeneral Ludwig Beck 1933 kurz vor der Machtübernahme durch Hitler. Wenige Jahre darauf war der zum Generalstabschef des Heeres avancierte Beck der einzige, der Hitlers Kriegsplänen verzweifelten Widerstand entgegensetzte. 1938 trat er von seinem Posten zurück. Nach dem missglückten Anschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde er noch am selben Tag erschossen.
Beck, am 29. Juni 1880 in Biebrich bei Wiesbaden als Sohn eines Industriellen geboren und nach dem Abitur als Fahnenjunker in die preußische Armee eingetreten, lebte in einer ganz anderen Welt als die christlichen Gewerkschafter und sozialistischen Friedenspolitiker, die den Nazis und ihrem Gesinnungsterror schon früh den Kampf ansagten. Eine eisenharte, autoritäre Führung an der Staatsspitze, Säbelrasseln gegenüber anderen Ländern, ein selbstbewusst im internationalen Machtkonzert auftretendes neues Deutsches Reich - das war diesem Paradeexemplar eines preußischen Offiziers gerade recht.
Mit Hitlers kühner Politik werde es endlich gelingen, aus dem Schatten der Niederlage im Ersten Weltkrieg herauszutreten und die Folgen des demütigenden Friedensvertrags von Versailles zu überwinden, meinte Beck, der im Ersten Weltkrieg verschiedene Oberkommandos an der Westfront innegehabt hatte. In der Reichswehr stieg er bis zum General und zum Chef des Truppenamts im Reichswehrministerium auf.
Doch als Hitler den "Röhm-Putsch" im Sommer 1934 zum organisierten Mord an zahllosen politischen Gegnern nutzte, begann Beck auf Distanz zu gehen. Anlass zum Bruch wurden die Vorbereitungen zum Einmarsch in die Tschechoslowakei. Gegen die gewaltsame Lösung der "tschechischen Frage" hatte der 1935 zum Generalstabschef des Heeres ernannte Beck zwar nichts. Denn die Tschechoslowakei sei "in ihrer jetzigen Gestalt" für Deutschland unerträglich. Aber was Hitler vorhatte, widersprach Becks gut preußischem Ideal eines auf klare sittliche Normen gegründeten, begrenzten Krieges.
1937 übte Beck in einem Memorandum harte Kritik am Zeitpunkt und an der außenpolitischen Opportunität der für das kommende Jahr geplanten Besetzung der Tschechoslowakei. Deutschland sei für so ein Abenteuer noch zu schlecht gerüstet, und mit der Besetzung des Nachbarlandes werde sich das Deutsche Reich international hoffnungslos isolieren.
In den Führungsstäben der Armee gab es durchaus Leute, die Becks kritische Einschätzung teilten, doch sie wagten den Mund nicht so weit aufzumachen. Im Zusammenwirken mit dem gleichgesinnten Admiral Wilhelm Canaris, Chef der Abwehr, und General Franz Halder griff Beck im Sommer 1938 zu einem ungewöhnlichen Mittel: Er schlug den gemeinsamen Rücktritt des gesamten Generalstabs des Heeres vor, um Hitler von seiner Kriegsstrategie abzubringen. Diese Rücktrittsdrohung, die "nicht eindrucksvoll, hart und brutal genug" (Beck) formuliert werden konnte, sollte mit einer Militäraktion gegen die schlimmsten Kriegstreiber in der NSDAP verbunden werden. Es gab auch Pläne, Hitler im Fall einer Kriegserklärung an England und oder Frankreich abzusetzen.
Als sich die Generäle verweigerten - nicht zuletzt, weil Hitler im "Münchner Abkommen" eine Art Stillhalteversprechen der europäischen Mächte erreicht hatte -, trat Beck am 18. August 1938 zurück. In Denkschriften und persönlichen Kontakten kämpfte er weiter für seine Auffassungen. Neben dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler wurde Beck zunehmend zur Führungsfigur des militärisch-bürgerlichen Widerstandes. In verschiedenen Putschplänen war er als neues Staatsoberhaupt nach dem erhofften Ende der Nazi-Herrschaft vorgesehen.
Am 20. Juli 1944 scheiterte Stauffenbergs Attentat im ostpreußischen Führerhauptquartier "Wolfsschanze". Die Widerständler, die im Allgemeinen Heeresamt in der Berliner Bendlerstraße auf die Nachrichten aus der Wolfsschanze warteten, wurden noch am selben Abend von Wehrmachtseinheiten festgenommen. Der zwielichtige General Friedrich Fromm forderte Beck kurz vor Mitternacht auf, Selbstmord zu begehen - was unter führenden Militärs als ehrenvoller Abgang galt. Becks Versuche, sich in den Kopf zu schießen, scheiterten jedoch zweimal nacheinander, worauf ein Feldwebel den schwer verletzten Ex-General erschoss.


