Der Meister des Ausuferns

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Meister des Ausuferns

Herbert Rosendorfer bekommt den Literaturpreis der Stadt München (Korrespondentenbericht)

Von Thomas Greif

Würde man seiner Erzählweise folgen, müsste sich dieser Text gewaltig verschachteln, ehe man überhaupt weiß, worum es geht. Etwa zu den klanglichen Absonderlichkeiten des Jodelns in Südtirol oder den Krawattenvorlieben eines Naumburger Landgerichtsdirektors. Irgendwann, viel weiter unten erst, käme dann heraus, und zwar vielleicht nur en passant, worum es eigentlich geht, um ein Porträt des Schriftstellers Herbert Rosendorfer nämlich, den neuen Preisträger des Literaturpreises der Stadt München.

"Prinzip des Ausuferns" nennt Rosendorfer diese sprachliche Eigenart, die nach gähnender Langeweile klingt, bei ihm aber ein Markenzeichen von brillanter Eleganz ist. Das Publikum jedenfalls fesseln diese abseitigen Verästelungen. Denn der 71-Jährige gehört zu den meistgelesenen deutschen Gegenwartsautoren - allein die "Briefe in die chinesische Vergangenheit" verkauften sich 1,8 Millionen Mal. Im Literaturbetrieb dagegen ist Rosendorfer ein Außenseiter geblieben, ein gutbürgerliches Enfant terrible der Szene, über den ein Kritiker aus der Beletage des deutschen Feuilletons im Zweifelsfall lieber mit wissendem Blick die Nase rümpft.

Woran das liegt? Vielleicht, weil sich Rosendorfer ein ganzes Berufsleben lang eben jener Szene insofern entzog, als er einem biederen Brotberuf als Richter nachging, zunächst an einem Münchner Amtsgericht, zuletzt, in den Neunzigern, am Oberlandesgericht in Naumburg (Saale). "Diese Art der Unabhängigkeit wird nicht gewünscht", glaubt der Autor. Im "Spiegel" etwa kam Rosendorfer nach seinem Erstlingsroman "Der Ruinenbaumeister" von 1969 nur noch einmal vor: als er nämlich als Amtsrichter ein besonders eigenwilliges Schadensersatzurteil fällte.

In der bayerischen Literaturwelt wenigstens hat Rosendorfer vom Jean-Paul-Preis bis zur Honorarprofessur für Bayerische Gegenwartsliteratur inzwischen fast alle denkbaren Ehrungen einkassiert. Und das, obwohl der gebürtige Südtiroler die Überzeugung vertritt, dass die Gegenden nördlich des Alpenhauptkammes für menschliche Besiedlung ungeeignet seien, was ihm prompt eine Klagedrohung aus der humorlosen oberbayerischen Tourismusbranche eingebracht hat.

Als Fünfjährigen hat es Rosendorfer von Bozen nach München verschlagen, "heim ins Altreich", wie man damals sagte. Gut fünfzig Jahre lang, mit Abstechern nach Kitzbühel und Naumburg, hat er dort verbracht, bevor es ihn wieder zurück über die Alpen zog. Seine Arbeiten, an die 100 Bände mit Romanen, Kurzgeschichten, Reiseführern und Essays, dazu TV-Drehbücher und Bühnenstücke, haben vielfache Schlagseite ins Bayerische. Rosendorfers zeitreisender Chinese etwa schreibt seine Briefe nicht zufällig aus Min-Chen, Hauptstadt der Ba-Yan.

Freilich, man darf das Bodenständige, das scheinbar Banale wie auch bei Oskar Maria Graf nicht mit Provinzialismus verwechseln. Rosendorfer hinterfragt mit einem beeindruckenden Wissens- und Weisheitsschatz, aber eben mitunter aus Münchner Perspektive, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nichts mehr, lautet übrigens die ernüchternde Antwort: "Ich glaube daran, dass die Menschheit am Ende ist", sagt der vierfache Vater. Gleich zwei seiner Romane haben das Szenario des Weltuntergangs zum Thema.

Rosendorfers literarisches Credo hat allerdings, dem Charakter eines bescheidenen und sogar freundlichen Menschen entsprechend, auch noch eine mildere Seite. Denn auf dem Boden des zynischen Pessimismus blüht immer auch die Liebe zum Menschen, zum Individuum mit all seinen Schnurren und Marotten. Beides gehört untrennbar zusammen. Gut verschachtelt.

(Artikel vom 14.06.2005)