Kirchliche Spiritualität - keine Selbstverständlichkeit
Kirchliche Spiritualität - keine Selbstverständlichkeit
Meditationszentrum Schloss Altenburg feierte 10-jähriges Bestehen (Korrespondentenbericht)(mit Bild)
Von Katja Hees
Zen-Meister Kokugyo Kuwahara legt die Handflächen aneinander, verneigt sich, kniet dann auf die Stoffmatte nieder. Starrt eine Weile auf das Zeitungsblatt, das vor ihm auf dem Boden liegt. Dann greift er nach dem Pinsel, taucht ihn in das Tuschebecken, setzt die Borsten aufs Papier.
Mehrmals pro Jahr gibt Kokugyo Kuwahara Zen-Kurse im Meditationszentrum Schloss Altenburg. Seine "Schnupperstunde" anlässlich des 10-jährigen Bestehens dieses Ortes lockt fünf Frauen und fünf Männer an. Der Meister führt in die Übung mit Pinsel und Tusche ein: "Konzentrieren, einatmen, Linie ziehen, ausatmen!" Die Neulinge schauen gebannt, knien barfuß auf die Matten, atmen ein, zeichnen, atmen aus, verbeugen sich. Ein frisches Blatt Zeitung, dann geht das Ritual von Neuem los, eine ganze Stunde lang.
"Ich fühle mich entspannter und konzentrierter", sagt Christoph Böhringer nach der Zen-Stunde. Der 41-jährige Schwabe ist schon zum zweiten Mal in Altenburg. Letzten Sommer suchte er Ruhe in einem Exerzitien-Kurs: "Das brachte mich zu meinen Wurzeln zurück, mir wurde wieder klar, worum es im Leben eigentlich geht." Der Kirche fühlt sich Böhringer heute eher fern; dennoch schätzt er den christlichen Hintergrund Schloss Altenburgs: "Die Meditation über Bibelstellen hat meinen Glauben neu angeregt." Böhringer findet es "sehr schade, dass die Kirche sich von Altenburg verabschiedet hat". Ein solches Zentrum brauche man heute nötiger denn je: Um im täglichen Stress und "Mediengerausche" überhaupt noch zur Ruhe zu kommen.
Schloss Altenburgs gefährdete Existenz - sie ist auch auf dem Zehn-Jahres-Fest immer wieder präsent. Unter der Leitung von Pfarrer Klauß Stüwe hatte der eigens gegründete Verein "Schloss Altenburg - Haus der Stille e. V." Anfang 2004 das Meditationszentrum vom evangelisch-lutherischen Dekanat München übernommen. Weder das Dekanat noch die bayerische Landeskirche wollten sich weiter für das Meditationszentrum engagieren. Der Verein verhinderte nach langem Hin und Her das Ende für Altenburg. Ziel war, das Zentrum fortan ohne kirchliche Zuschüsse selbst zu unterhalten.
Drei Viertel seiner Einnahmen erziele das Meditationszentrum heute durch Kursgebühren, so Klauß Stüwe, den Rest durch Spenden. Doch an Altenburgs wirtschaftlichem Dilemma hat sich nichts geändert: "Seit 2004 steht der Freundeskreis für das Defizit von jährlich rund 70.000 Euro ein", sagt Stüwe. Etwa 350 Mitglieder zählt dieser Freundeskreis inzwischen. Über Broschüren werden "Freunde gesucht", für einen Mindestbeitrag von 100 Euro pro Jahr. Denn das Meditationszentrum rechnet mit weiteren Belastungen: Bisher komme die Landeskirche für seine Leiterstelle auf, sagt Klauß Stüwe. Doch wenn er im Herbst 2007 in Rente geht, werde auch dieser Zuschuss wegfallen. Und was dann?
Über ein zukunftsfähiges Konzept hat der Verein bisher nur vage nachgedacht: Vielleicht wird sich der Freundeskreis mehr einbringen, vielleicht kann man die Leitung auf mehrere Schultern verteilen. Hauptproblem sei doch, sagt Stüwe, dass Altenburg nur 36 Betten hat - nicht genug, um wirtschaftlich arbeiten zu können. 55 bis 60 Betten seien dafür nötig, das belegten diverse Studien. Die Kosten für den Ausbau liegen in Millionenhöhe. "Eventuell kommt der Freundeskreis dafür auf", sagt Stüwe.
Seine Gelassenheit wird verständlicher, wenn man in das Treiben auf Schloss Altenburg eintaucht: Klauß Stüwe scheint auf die Begeisterung der Menschen zu setzen. Im Schnupperkurs "Exerzitien nach Ignatius von Loyola" etwa drängen sich an die 50 Menschen. Sie versinken in Stille, meditieren über den biblischen Satz: "Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen." Durch das offene Fenster dringt Vogelgezwitscher in den Raum und lauter Gesang. Der Schnupperkurs "Frieden, Schalom, Salam" findet im Schlosspark statt. Dort tanzen und singen die Menschen, und man fragt sich: Wann habe ich solche Klänge zum letzten Mal gehört?
Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b050780.


