Ein unbequemer Visionär

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ein unbequemer Visionär

Vor hundert Jahren wurde der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld geboren - (Termin: 29. Juli) - (Sendewiederholung)

Von Christian Feldmann

Als der schwedische Wirtschaftspolitiker Dag Hammarskjöld 1953 zum UN-Generalsekretär gewählt wurde, nahm ihn niemand so recht ernst. Hammarskjöld, der am 29. Juli 1905 geboren wurde, ist zwar Präsident der Schwedischen Reichsbank gewesen und hatte die Grundlagen für den legendären Sozialstaat in seinem Land gelegt. Aber die Härte, die bei der Lösung internationaler militärischer Konflikte erforderlich war, traute man dem Schöngeist und mystisch orientierten Schriftsteller, der ein vielbeachtetes spirituelles Tagebuch "Zeichen am Wege" hinterließ, nicht zu.

Der schwedische Diplomat verdankte seine Ideale Albert Schweitzer und den Mystikern des Mittelalters. Verhandlungspausen bei politischen Gesprächen nutzte er, um sich einer Gedichtsammlung zu widmen. Hammarskjöld konnte bezaubernd plaudern, war aber ein Einzelgänger. Er hatte keine Lebenspartnerin und nur wenige Freunde. Die Skepsis schlug in Respekt um, als er 1954 die amerikanischen Kriegsgefangenen aus dem Koreakrieg durch hartnäckige Gespräche in Peking frei bekam. 1956 vermochte er in der Suezkrise England und Frankreich mitten im Angriff zu stoppen und brachte Israel dazu, die eroberte Sinaihalbinsel und den Gazastreifen ohne Bedingungen zu räumen. Hammarskjöld war von 1953 bis 1961, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, UNO-Generalsekretär. In dieser weltpolitisch äußerst schwierigen Lage gelang es ihm, das Profil der Vereinten Nationen als einer friedensstiftenden Macht zu schärfen.

Als Generalsekretär der noch jungen UN versuchte er die blockfreien afrikanischen und asiatischen Länder zu unterstützen, die sich von der Kolonialherrschaft befreien wollten. Sein anderes zentrales Thema war die Krisenprävention: Nicht erst im Kriegsfall sollten die Vereinten Nationen eingreifen, da sei es meist schon zu spät, meinte er. Deshalb müsse man schon vorher soziale und wirtschaftliche Probleme sorgfältig beobachten und helfen - mit Geld, Fachkräften, technischem Know how. "Frieden durch Gerechtigkeit" hieß die Kurzformel.

Als 1956 der Konflikt um den vom ägyptischen Präsidenten Abdel Nasser verstaatlichten Suezkanal zum Weltkrieg zu eskalieren drohte - Frankreich und England bombardierten ägyptische Stellungen und bereiteten eine Invasion vor, die Sowjetunion drohte mit dem Einsatz von Atomwaffen -, griff Hammarskjöld die Idee des kanadischen Außenministers Lester Pearson auf, eine internationale Friedens- und Polizeitruppe zu schaffen. Innerhalb von 48 Stunden gelang es Hammarskjöld und seinen Mitarbeitern, sechstausend Soldaten aus allen Kontinenten zu rekrutieren.

Im Kongo konnten die Vorläufer der "Blauhelme" 1961 allerdings nicht verhindern, dass die Söldner der abgefallenen Provinz Katanga den Premierminister Lumumba entführten und ermordeten. Irische UN-Soldaten wurden nackt durch ein Spalier von Legionären getrieben und erschossen. Am 17. September flog Hammarskjöld von Léopoldville (heute Kinshasa) nach Nordrhodesien, das jetzt Sambia heißt, um über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Wenige Minuten nach Mitternacht explodierte die Maschine dort in der Nähe des Zielflughafens.

Dag Hammarskjölds Tod galt jahrzehntelang als ungeklärt. Erst 1998 veröffentlichte die von Erzbischof Desmond Tutu geleitete südafrikanische Wahrheitskommission geheime Dokumente, die einen Schluss nahe legen: Als Hammarskjöld seine internationalen Truppen in Marsch setzte, um den blutigen Bürgerkrieg im Kongo zu beenden, schmiedeten die Geheimdienste Südafrikas, der USA und Großbritanniens, die ihre Interessen in der Uranregion bedroht sahen, ein raffiniertes Mordkomplott.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde bereits am 14. Juli gesendet

(Artikel vom 27.07.2005)