Geöffnete Fenster halfen bei der Gründung der evangelischen Kirche

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Geöffnete Fenster halfen bei der Gründung der evangelischen Kirche

Vor 475 Jahren formulierten die Protestanten in Augsburg ihre Bekenntnisschrift (Korrespondentenbericht)

Von Achim Schmid

Das heiße Sommerwetter im Augsburg des Jahres 1530 trug wesentlich zur Begründung der evangelischen Kirche bei. Als der sächsische Kanzler Christian Beyer am 25. Juni 1530 mit lauter Stimme auf deutsche die "Confessio Augustana" im kleinen "Kapitelsaal" der bischöflichen Augsburger Residenz verlas, mussten wegen der drückenden Schwüle die Fenster geöffnet werden. Auf dem Hof standen Kopf an Kopf die Anhänger Luthers und hörten und verbreiteten die grundlegende evangelische Bekenntnisschrift, die bis heute theologische Grundlage der rund 60 Millionen Lutheraner in über 120 Ländern ist.

Diese Öffentlichkeit war dem damaligen Kaiser Karl V. zutiefst zuwider, der als kämpferischer und überzeugter Katholik die Behandlung der "Confessio" auf dem Augsburger Reichstag möglichst niedrig hängen wollte: Nach seinem Willen sollte die evangelische Bekenntnisschrift überhaupt nicht verlesen werden. Gegen diesen kaiserlichen Beschluss protestierten die evangelischen deutschen Fürsten mit Bekennermut und Zivilcourage. Durch die heftigen Attacken der katholischen Kirche auf die "neue Lehre" Martin Luthers seien sie "zum Höchsten verunglimpft" worden und müssten deshalb Gelegenheit haben, sich öffentlich zu verteidigen.

Der geistige Kopf der lutherischen Verteidigungsschrift war der Humanist und Reformator Philip Melanchthon (1497-1560). Denn Luther konnte seine Sache auf dem Reichstag, einer Art Parlament der Fürsten, Stände und Reichsstädte, nicht selbst vertreten. Weil er vom Kaiser für "vogelfrei" erklärt und seines Lebens nicht mehr sicher war, musste Luther den Reichstag von der Veste Coburg aus verfolgen, die damals in kursächsischem, also evangelischem, Gebiet lag. Für ihn sprang auf dem Reichstag sein Freund und Vertrauter Melanchthon ein - nicht zur reinen Freude Luthers. Dem hemdsärmeligen und wortgewaltigen Reformator war Melanchthon, den er in seinem Zorn "Bruder Leisetritt" nannte, zu akademisch und zu vorsichtig.

Diese Behutsamkeit Melanchthons spiegelte sich auch in der von ihm verfassten "Confessio". Er wollte ganz offensichtlich nicht den radikalen Bruch mit der katholischen Kirche, sondern suchte immer wieder theologische Kompromisse. Wie der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber (Berlin) in einem Fernseh-Interview sagte, sei es Melanchthon nicht um Spaltung, sondern um eine theologische Vorgabe gegangen, auf die sich die Konfessionen einigen sollten. Dennoch formulierte Melanchthon in den "Artikeln" der "Confessio" lutherische Kerngedanken: Nach diesem Verständnis ist der Mensch nicht durch sein eigenes Zutun, wie gute Taten oder Wohltätigkeit, vor Gott "gerechtfertigt", sondern allein aus der "Gnade Gottes". Deshalb braucht er auch nicht mehr - wie in der katholischen Kirche - Priester oder Heilige, um in eine religiöse Verbindung mit Gott treten zu können.

Derartige Elemente der Lehre Luthers erschütterten die katholische Kirche in ihren Grundfesten. Die Spaltung der Christenheit in eine katholische und evangelische Kirche waren die Konsequenz. In der Folge dieser Trennung kam es zu unerbittlichen Religionskriegen, die Deutschland lange Zeit verheerten. Erst 1555 fanden die Konfessionen wiederum auf einem Reichstag in Augsburg zu einem "Religionsfrieden", der die Existenz der noch jungen evangelischen Kirchen sicherte.

Augsburg selbst ist bis in die heutige Zeit ein Brennpunkt der Ökumene geblieben. 1998 unterzeichneten Spitzenvertreter der beiden Kirchen in der evangelischen St. Anna-Kirche die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre", die alte theologische Gräben aus der Reformationszeit überwand und der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten neue Impulse gab.

(Artikel vom 23.06.2005)