Avantgarde für die Islamstunden von morgen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Avantgarde für die Islamstunden von morgen

In Erlangen wird Religionsunterricht für Muslime erprobt (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Peter Reindl

Hohen Besuch sind Sevilay und ihre Freundinnen gewohnt. In ihren Schulbänken sitzen Spitzenpolitiker, Pädagogikprofessoren, Ministerialdirektoren und Bischöfe. An der Grundschule Brucker Laache in Erlangen lässt sich erleben, was es in keinem anderen bayerischen Klassenzimmer gibt: Islamischen Religionsunterricht nach den Regeln des Grundgesetzes. Vielleicht noch ein Jahrzehnt, so hoffen die Erfinder des "Erlanger Modells", dann wird ihre Pioniertat in ganz Bayern Schule machen.

"Erlanger Modell" heißt: Muslimische Kinder bekommen Glaubensunterricht in deutscher Sprache von in Deutschland nach hiesigen pädagogischen Standards ausgebildeten muslimischen Lehrkräften und nach Lehrplänen, die von ihrer Glaubensgemeinschaft abgesegnet sind. Kaum noch ein Bildungspolitiker bezweifelt, dass dieses Recht den drei Millionen Muslimen in Deutschland genauso zusteht wie Christen. Vorausgesetzt sie schaffen es, eine Dachorganisation zu gründen, die als Ansprechpartner des Staates dienen kann.

Denn da liegt der Haken. Die vom Grundgesetz geforderte "Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" lässt sich im Islam bislang nicht herstellen. Niemand weiß, wer bei den deutschen Muslimen die Autorität hat, für alle zu sprechen. Nach Expertenschätzungen gehören den rivalisierenden islamischen Verbänden nicht mehr als fünf bis zehn Prozent der deutschen Muslime an. Eigentlich dürfte es deswegen auch den Erlanger Islamunterricht nicht geben.

Um ihn dennoch zuzulassen, erkannte das bayerische Kultusministeriums nach anfänglichem Zögern die eigens gegründete "Islamische Religionsgemeinschaft Erlangen" als Ansprechpartner an - eine Hilfskonstruktion, autorisiert durch die namentliche Mitgliedschaft örtlicher Muslime. Die Notlösung ermöglicht dem Erlanger Modell eine prächtige Entwicklung.

Sevilay, Hasan, Sabrina und mehr als 40 andere Grundschüler aus Erlangen-Bruck lernen jetzt bei Lehrer Ali Türkmenoglu wie die Propheten heißen, sie malen Umrisszeichnungen von Moscheen farbig aus und pinnen Merksätze an die Wand: "Islam heißt Frieden - Ich bin Muslimin, ich soll Frieden schaffen." Vorher gingen sie in den Ethik-Unterricht, jetzt beginnt die Stunde "im Namen Gottes, des Allerbarmers".

In ihrem Wissen über Religion unterscheiden sich die kleinen Muslime kaum von ihren deutschen Altersgenossen. Einige haben schon in der Moschee gelernt, kleine Suren in arabischer Sprache herzusagen, andere haben bis zum Schuleintritt keinen Koran zu Gesicht bekommen und manche wissen nicht einmal, dass sie Muslime sind. Ali Türkmenoglu lacht, wenn er über seine Kinder erzählt. Als der Besuch einer Kirche auf dem Unterrichtsplan stand, waren sie ziemlich erschrocken. Erst als er ihnen eine Koranstelle vorlas, wonach Kirchen genauso Gotteshäuser sind wie Moscheen, schwanden die Bedenken. Zurückgekehrt waren die Kinder beruhigt. In der Kirche gebe es auch anständige und fromme Menschen, fanden sie.

Der Lehrer, der in Kairo islamische Theologie studiert hat, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Islamische Religionslehre der Universität Erlangen-Nürnberg. Unter Federführung des Lehrstuhlinhabers für evangelische Religionspädagogik, Johannes Lähnemann, können dort Lehramtsstudenten islamischen Glaubens als Ergänzungsstudium die Ausbildung zu islamischen Religionslehrerinnen und Religionslehrern durchlaufen. Muslime müssen es sein, sagt Lähnemann, "andere würden von den Eltern nicht akzeptiert".

Lähnemanns Studenten sollen die Avantgarde für den bayernweiten Islamunterricht von morgen sein. Es sind junge Leute wie Stefanie Alhayari aus Dresden, verheiratet mit einem Syrer und übergetreten zum Islam. Auf denkbar einfache Art und Weise übrigens: Sie hat vor ihrem Ehemann das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen, das war's. Wenn Stefanie Alhayari die Klasse betritt, entfaltet sich eine quicklebendige menschenfreundliche Pädagogik, von der sich mancher christliche Religionslehrer eine Scheibe abschneiden könnte. "Noch ist das Ergänzungsstudium mein Privatvergnügen, aber ich hoffe, dass mein Beruf daraus wird", sagt sie.

Dem Erlanger Modellversuch sollen demnächst in Forchheim und Nürnberg weitere folgen. Auch die Ausweitung auf die Hauptschule ist geplant. Lähnemann braucht dafür Studenten. Deshalb hat er die Direktoren der mittelfränkischen Gymnasien angeschrieben. Sie sollen ihre muslimischen Abiturientinnen und Abiturienten auf das Ergänzungsstudium Islamischer Religionsunterricht aufmerksam machen.

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(Artikel vom 01.07.2005)