Eine Schlafmaus und das Geheimnis der sieben Brüder

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Eine Schlafmaus und das Geheimnis der sieben Brüder

Deutschlands einzige Siebenschläferkirche feiert 500. Geburtstag

Von Christian Feldmann

Was hat der Koran, das heilige Buch der Muslime, mit dem Kirchlein von Rotthof (Stadt Ruhstorf an der Rott) in Niederbayern zu tun? Auf dem Hochaltar des Gotteshauses hat der berühmte Rokoko-Stuckateur Johann Baptist Modler aus Kößlarn jene geheimnisvollen schlafenden Jünglinge modelliert, deren Legende sich auch im Koran findet. Die uralte Sage von den nach einer Schlafmaus benannten "Siebenschläfern" gehört nicht nicht nur den Christen, und es ist ein Stück kulturübergreifender Menschheitsgeschichte, was da in der Rotthofer Kirche an der Ausfahrt Pocking der Autobahn A 3 Gestalt gefunden hat.

Nur folgerichtig, dass der Altarraum eher an eine prähistorische Kultstätte erinnert oder an eine Szene aus Tausendundeiner Nacht als an den üblichen Stil bayerischer Gotteshäuser: Hinter dem Hochaltar öffnet sich eine märchenhafte Höhle aus verwittertem Tuffstein, durch farbige Glasstückchen bricht ein unirdisches Licht. Halb versteckt in der Grotte ruhen die sieben schlafenden Jünglinge. Mindestens bis ins 18. Jahrhundert hinein muss es hier eine lebhafte Wallfahrt gegeben haben, denn 1758 gab der Vornbacher Abt Benedikt Moser den Hochaltar in Auftrag.

Ihr fünfhundertjähriges Weihejubiläum feiert Deutschlands einzige Siebenschläferkirche vom 30. Juni bis zum 2. Juli mit einem Römer- und Siebenschläferfest, mit römischem Feldlager und Markttreiben, Musik und buntem Kinderprogramm.

Was steckt hinter diesem eigenartigen Kult, von dem in ganz Deutschland nur eine einzige bildliche Darstellung übrig geblieben ist? Die Legende erzählt von sieben frisch getauften jungen Männern im kleinasiatischen Ephesus, die sich um das Jahr 250 vor der Christenverfolgung des Kaisers Decius in eine Höhle retteten. Dort schliefen sie vor Erschöpfung ein, und der heimtückische Herrscher ließ den Eingang zumauern. Gott ließ die Jünglinge nach der Legende exakt 187 Jahre friedlich schlummern, bis man die Steine abtrug.

Die so unsanft Geweckten schlichen sich zu einem Bäcker, um Brot zu kaufen. Der Bäcker traute natürlich seinen Augen nicht, als die merkwürdig gekleideten Kunden mit einer längst verfallenen Münze zahlen wollten. Man schleppte sie vor den Richter, das Wunder wurde offenbar, die Leute priesen Gott, und alsbald schliefen die Jünglinge erneut ein – um nie mehr zu erwachen.

Die Legende gibt es in verschiedenen Varianten. Die Version des Koran spricht von 309 verschlafenen Jahren. In der Zeit der Kreuzzüge und später im Barock blühte der Siebenschläferkult, von dem die Rotthofer Skulpturengruppe zeugt. Kunstinteressierte finden in der Kirche auch einen römischen Altar, der zum Weihwasserbecken umfunktioniert worden ist.

So ändern sich die Zeiten und die Glaubensüberzeugungen. Doch dass die heiligen Siebenschläfer gegen Schlaflosigkeit helfen und dass ihr Namenstag, der 27. Juni, eine langfristige Wettervorhersage ermöglicht, daran glauben manche Leute noch heute: Wenn es am Siebenschläfertag regnet, dann wird der Himmel sieben Wochen lang voller Wolken sein.

Dass die Siebenschläferlegende die Religionen verbindet, wird in der Bretagne sichtbar, wo seit über vierzig Jahren Christen und Muslime aus ganz Frankreich zur Kirche "Sept Saints" (Sieben Heilige) in der Bretagne pilgern. Denn auch für die Muslime ist die wundersame Auferweckung der sieben Frommen von Ephesus ein Beweis für die Allmacht Allahs. Sie beten und feiern gemeinsam mit den Christen und setzen ein Zeichen des Miteinander. Die Treffen von Sept Saints haben zahlreiche Basisinitiativen inspiriert, die konkrete Schritte der Verständigung tun und den ausländerfeindlichen Sprüchen aus der rechtsextremen Ecke Widerstand leisten.

Auskünfte bei der Tourist-Information, Am Schulplatz 8, 94099 Ruhstorf an der Rott, Telefon (08531) 9312-0, Fax 9312-30,

Internet: rathaus@ruhstorf.de, Webseite: www.ruhstorf.de.

(Artikel vom 23.06.2006)