Kleider machen Leute - und Arbeitsplätze
Kleider machen Leute - und Arbeitsplätze
Ein Sozialprojekt bringt Second Hand-Designermode an die Frau (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Claudia Höhn
Immer gearbeitet, dann krank und zack - raus aus dem Job. Mit über 50 Jahren war Stefanie Nobis plötzlich "schwer vermittelbar" und steckte "mitten drin in Hartz IV". Mit allem, was dazu gehört: Selbstzweifel, Existenzangst, Depressionen. Seit kurzem ist das vorbei und Stefanie Nobis Teil eines besonderen Teams. Mit 17 anderen Frauen arbeitet sie in dem Münchner Sozialprojekt "kleidsam" in der Blutenburgstraße 65. Pflegt nicht mehr Kranke oder kellnert, sondern verkauft und entwirft Kleider.
Am 1. Juli hat der Beschäftigungsbetrieb diakonia, dessen Träger die Innere Mission München und der Evangelische Dekanatsbezirk sind, eine Schneiderwerkstatt eröffnet. Sie ergänzt die seit einem Jahr bestehende Second Hand-Boutique. Unter dem Motto "Schneiderkunst im Gartenhaus" entwerfen Frauen, die aufgrund psychischer Handicaps oder langjähriger Arbeitslosigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, aus Altkleidern und Stoffen moderne Kleider.
Vier Frauen wurden bereits neu eingestellt, weitere sollen folgen. Der Betrieb finanziert sich aus Zuschüssen des Bezirks Oberbayern, der Arbeitsagentur und der ARGE München, jedoch zu einem Gutteil auch durch die Verkaufserlöse.
"Wir sind in Kleiderspenden ertrunken", erklärt Pfarrerin Martina Kreis, Leiterin des Münchner Arbeitslosenzentrums und des Projektes. Viele Kleider hatten Flecken oder waren zu altmodisch für den Verkauf, aber zu schade zum Wegwerfen. So kam die Idee auf, aus Altem Neues zu schaffen.
Früher war es in einem desolaten Zustand, nun ist das apfelgrüne Gartenhäuschen ein Arbeitsplatz, an den die Mitarbeiterinnen gerne kommen. "Wir arbeiten alle mit Gefühl, Geschmack und mit Liebe", sagt Kamer Geiger. Die gelernte Schneiderin leitet die Frauen an und zeigt, wie aus Shirts, Stoffbahnen, Bändern oder Stoffblumen neue Kleider entstehen.
Für den Herbst sind Nähkurse und Workshops geplant und in Zusammenarbeit mit der Münchner Akademie für Mode und Design (AMD) eine Modenschau, sobald genug Kreationen für den Laufsteg fertig sind. Doch vorerst wollen die Frauen in aller Ruhe entwerfen und ihre Kleider verkaufen. Stefanie Nobis kann erst einmal tief durchatmen. "Ich fühle mich aufgehoben und bin froh, etwas Sinnvolles zu tun, statt zu Hause zu sitzen und verrückt zu werden. Ich betrachte das als Geschenk."
Fotos per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München),
Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b050910 und b050912.


