Alles über die Sache mit dem Sex
Alles über die Sache mit dem Sex
Wie Sexualberaterinnen Viertklässler spielend aufklären (Korrespondentenbericht)
Von Peter Reindl
"Warum stöhnen Mama und Papa so?" Kerstin wünscht Auskunft über die seltsamen Geräusche aus dem Schlafzimmer. Felix will wissen, was ein Hurensohn ist, Max interessiert sich für die Ursache von Missgeburten und Adrian fragt, ob Schwule Kinder kriegen können. Sie sind zehn Jahre alt und sprudeln über vor Wissbegierde.
Bei den Sexualberaterinnen Corinna Maron und Heidi Weiß sind sie an der richtigen Adresse. Seit Jahresbeginn touren die beiden Mitarbeiterinnen der evangelischen Stadtmission mit ihrem Aufklärungsprogramm "Reise durch den Körper" durch die vierten Klassen Nürnberger Grundschulen. Zu den Requisiten gehören eine begehbare Gebärmutter, ein bekrabbelbarer Geburtskanal und ein überdimensionaler Penis aus Zeltstoff. Sexualaufklärung wird zum Abenteuerspielplatz und die Kinder machen begeistert mit.
Durch die Medien seien die Kinder einem aggressiven Dauerbeschuss mit Sexualität ausgesetzt, sagen die beiden Sozialpädagoginnen. Zur Aufklärung trage das jedoch nichts bei. In der sexualisierten Welt würden Kinder ständig mit Bildern konfrontiert, die sie nicht einordnen könnten. Um so spürbarer sei die Erleichterung, wenn sie beim Unterrichtsprojekt alles Irritierende los würden. Einen unverkrampften Umgang mit dem Körper sollen die Kinder lernen. Und sich danach hoffentlich nicht mehr mit Schimpfworten aus unverdautem Sex-Repertoire verächtlich machen.
Die Mädchen staunen, dass sie 400.000 Eizellen haben, die einen richtigen Sprung machen müssen, um in den Eileiter zu kommen. Die Jungs sind fasziniert davon, dass Männer täglich 100 Millionen Samenzellen produzieren. "Warum eigentlich so viele?", fragt Heidi Weiß die Klasse. "Damit das Baby größer wird", vermutet Kevin. Benni blickt durch: "Weil viele schlapp machen."
Wann wird der Penis steif? Man muss ganz arg an ein Mädchen denken, dann schwillt er an, hat die Klasse gerade gelernt. Harry, erzählen sie, hat's gleich in der Pause ausprobiert. Hat aber nicht geklappt, sagt Harry. So verwirrend die Sache mit dem Sex auch ist: Am Ende des Projekts soll jedes Kind - 330 in elf vierten Klassen waren es bisher - die Frage beantworten können: "Wie kommt das Baby in den Bauch?"
Was so spielerisch daherkommt, hat einen ernsten Hintergrund. 13.000 Mädchen unter 18 Jahren werden in Deutschland jedes Jahr schwanger. Und ihre Zahl nimmt zu. Der Ausweg ist häufig die Abtreibung mit all ihren psychischen Belastungen. Allein in Bayern lassen jährlich rund 100 Mädchen unter 15 Jahren einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Bei den unter 18-Jährigen sind es mehr als 700. Die bayerischen Grundschulen haben daraus Konsequenzen gezogen. Seit Beginn des Schuljahres ist Sexualaufklärung schon in den 4.Klassen Pflichtstoff.


