Beten unter blau-weißem Himmel

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Beten unter blau-weißem Himmel

Wie die evangelische Kirche ihr Gottesdienst-Angebot im Freien ausbaut (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Claudia Henzler

Von der Bergstation sind sie schon zu hören. Helle Glocken rufen Wanderer an diesem Samstag zu einer kleinen Kapelle auf den oberbayerischen Wallberg. Erste Ausflügler haben sich dort schon versammelt und blicken hinunter ins Tegernseer Tal. Drinnen knöpft Pfarrer Jürgen Flinner seinen Talar zu, dann packt er schnell die Liederhefte und einen kleinen Korb für die Kollekte und eilt nach draußen. Auf einem Plateau wurden Hocker ins Gras gestellt und ein Altar mit weißer Decke und Metallkreuz.

350 Berggottesdienste haben die Gemeinden der evangelischen bayerischen Landeskirche im vergangenen Jahr veranstaltet, rund 15.500 Besucher wurden dabei gezählt. Es ist ein Angebot, das sich vor allem an Urlauber und Ausflugsgäste wendet. "Wir gehen dahin, wo die Leute sind - und die sind halt bei schönem Wetter draußen", erklärt Mathis Steinbauer. Im Landeskirchenamt bündelt er die Gottesdienste unter freiem Himmel zu dem Programm "Kirche im Grünen". Die Zahl der Freiluftgottesdienste wurde in den vergangenen Jahren konsequent ausgebaut, vor allem in den bayerischen Urlaubsregionen. 800 Veranstaltungen werden heuer angeboten, fast die Hälfte findet auf einem Berg statt. Auf dem Wallberg wird im Zeitraum von Anfang Juni bis Mitte September an 15 Samstagen im Jahr ein Berggottesdienst gefeiert.

Während Jürgen Flinner dort aus dem Psalm 23 liest, klingen Kuhglocken herüber. "Der Herr ist mein Hirte", trägt der Pfarrer vor und spricht über die Bedeutung dieses Bildes. In der schönen Natur fallen Lob und Dank besonders leicht. Kirchenrat Steinbauer gibt offen zu: Durch Gottesdienste und Andachten an besonderen Orten wolle man Leute ansprechen, die sonst nicht in die Kirche kommen, "das hat eine missionarische Komponente". Mit dem Schritt ins Freie fallen Barrieren. Wanderer und Spaziergänger stellen sich einfach dazu und machen mit.

Zum Konzept der Kirche im Grünen gehören Musik, eine Auswahl einfacher Lieder und eine kurze Gottesdienstdauer. Nach einer halben Stunde spricht Pfarrer Flinner auf dem Wallberg den Segen. Vier Wochen lang ist der pensionierte Pfarrer jeden Sommer als Urlauberpfarrer im Einsatz. Gerne nimmt er sich nach dem Gottesdienst noch Zeit für Gespräche mit den Besuchern, die seiner Erfahrung nach in ihren Ferien besonders an Kirche interessiert sind. "Im Urlaub beschäftigt man sich oft mit seinem Leben und dem Sinn, dann kommt die Gottesfrage auch vor", sagt Flinner.

Das Angebote für Urlauber wurden in den vergangenen Jahren immer differenzierter: So finden sich auf der Internetseite www.kircheimgruenen.de auch Wald- und Feldgottesdienste für die ganze Familie, kontemplative Wanderungen und besinnliche Abendandachten am Seeufer. In Oberstdorf fährt die Bergbahn außer der Reihe zum Gottesdienst bei Sonnenaufgang, auf der Stoißeralm bei Inzell trifft man sich zum Mountainbike-Gottesdienst.

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(Artikel vom 22.08.2005)