Der revolutionäre Erlöser

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der revolutionäre Erlöser

Wagners unvollendeter "Jesus von Nazareth" hat Premiere in Bayreuth (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Wolfgang Lammel

Nach mehr als 150 Jahren wird ein Werk von Richard Wagner aus seinem Dornröschenschlaf geweckt: Mitten im Premierenreigen der diesjährigen Festspiele erklingt am Freitag (29. Juli) in der Schlosskirche Wagners "Jesus von Nazareth" zum ersten Mal vor das Bayreuther Publikum. An das außergewöhnliche Konzertprojekt haben sich der Bayreuther Kirchenmusiker Christoph Krückl und der Bamberger Schauspieler Martin Neubauer gewagt. Die Herausforderung: Für "Jesus von Nazareth" gibt es weder Noten noch Libretto. Wagner hinterließ das Werk nur als "dichterischen Entwurf". Seine monumentale Fassung des Evangeliums hatte er als fünfaktiges Drama angelegt - es blieb indes bei einer (immerhin gut 50 Seiten umfassenden) Prosa-Skizze.

Wagner schrieb seinen "Jesus von Nazareth" im Jahr 1849, noch ganz unter dem Eindruck der bürgerlichen Revolution. Der junge Dresdner Kapellmeister gehörte damals zum engsten Kreis der Aufständischen und war einer ihrer eifrigsten Agitatoren. Mit großzügiger dichterischer Freiheit löste Wagner seine Jesus-Figur vom Wortlaut des Neuen Testaments. Die biblischen Botschaften verwob er mit eigenen politischen Utopien und massiver Kritik an Gesetz, Kapital und Eigentum. Sein "revolutionärer Erlöser" steht im Mittelpunkt eines "Liebesevangeliums". So sagt Jesus an einer Stelle: "Durch meinen Tod erstirbt nun das Gesetz, indem ich euch zeige, dass die Liebe größer ist als das Gesetz."

Für Martin Neubauer zeigen solche Zitate, wie intensiv sich Wagner zu dieser Zeit mit dem Christentum beschäftigt hatte. "Damals war er eher ein christlich orientierter Linkaußen als ein Vordenker des Rechtsradikalismus." In seinem privaten Brentano-Theater in Bamberg hat Neubauer schon einmal "im kleinen Kreis" eine Lesung mit Passagen aus Wagners "Jesus" veranstaltet. Bei der mehrjährigen Beschäftigung mit dem Text warf er freilich alle Ideen für eine szenische Umsetzung über Bord. Für die Bayreuther Erstaufführung arbeitete er vor allem daran, den Text in eine "vorlesbare Form" zu bringen und die Prosa-Monologe der Hauptfigur "ineinander zu schneiden", wie er es formuliert.

Neubauers musikalischer Partner bei dem Konzertprojekt ist Christoph Krückl. Der Regionalkantor und Organist an der katholischen Schlosskirche im Bayreuther Stadtzentrum rief vor 25 Jahren die "Matineen zur Festspielzeit" ins Leben - was er durchaus als Reverenz vor Wagner versteht, der "nach Bach die besten Choräle geschrieben hat".

Immer wieder stehen bei diesem kleinen Orgelkonzerten Werke von Wagner-Zeitgenossen von Franz Liszt oder Anton Bruckner auf dem Programm, manchmal auch Orgelbearbeitungen von Kompositionen des "Bayreuther Meisters". Die mit Spannung erwartete diesjährigen Neuinszenierung von "Tristan und Isolde" (Regie: Christoph Marthaler) begleitet Krückl beispielsweise mit einer Fassung des "Tristan"-Vorspiels für Orgel.

Nach seiner Überzeugung ist eine Kirche genau der richtige Platz, um Wagners "Jesus von Nazareth" aufzuführen: "Wo sonst, wenn nicht hier? Wenn wir es nicht machen, kommt es vielleicht nur in die falschen Hände." Anders als bei der bislang einzigen bekannten öffentlichen Darbietung des Stücks (1997 beim Evangelischen Kirchentag in Leipzig) hat Krückl Orgelmusik von Liszt und Bearbeitungen von Szenen aus Wagners "Parsifal" ausgewählt. Kein Zufall: Elemente wie die Taufszene oder die Fußwaschung, die bereits im "Jesus" enthalten waren, tauchten später im so genannten "Bühnenweihfestspiel" wieder auf. Übrigens: Am Abend des Konzerts wird im Festspielhaus "Parsifal" gegeben.

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(Artikel vom 21.07.2005)