Im Zauberland des Geldverdienens

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Im Zauberland des Geldverdienens

Ausstellung über die globale Harry-Potter-Vermarktung (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Thomas Greif

Aktueller kann eine Ausstellung kaum sein. Pünktlich zum weltweiten Kulturtumult um den sechsten Harry-Potter-Band lädt das pfiffige städtische Museum in Zirndorf (Landkreis Fürth) zu einem Spaziergang in die Zauberwelt des Geldverdienens ein. Der Weg in das Phantasie-Reich der englischen Autorin Joanne K. Rowling führt über die gewaltige Merchandising-Maschinerie des amerikanischen Medienkonzerns AOL Time Warner, der schon 1998 alle Rechte an "Harry Potter" erworben hat.

Wer dem naiven Glauben anhängt, die Harry-Potter-Manie sei schlicht Rowlings genialer Erzähl-Idee geschuldet, wird in Zirndorf eines Besseren belehrt. Nicht die gute Idee von Harry und seinen Freunden machte die vormals am Existenzminimum krebsende Autorin in sieben Jahren zu einer der reichsten Frauen der Welt, sondern ihre noch bessere Idee, die globale Vermarktung in die richtigen Hände zu legen.

Das Ergebnis dieses vermutlich einzigartigen globalen Verkaufsfeldzuges steht noch bis Anfang September in Zirndorf hinter Glas: Harry-Potter-Plastikfiguren, Harry-Potter-Briefpapier, Harry-Potter-Stickeralben, Harry-Potter-Dracheneier aus Schokolade, Harry-Potter-Gewänder. Kein Museum hätte Geld für so viel Plunder.

Doch da kommt der Fan-Kult ins Spiel. Denn zur Verfügung gestellt hat die rund 500 Teile eine Pharmazie-Angestellte aus Nürnberg, die seit Jahren von einem Harry-Potter-Sammeltick besessen ist - zur Freude von Time Warner, das an der 38-Jährigen eine erkleckliche Summe verdient haben muss. Der genaue Wert der Sammlung ist gar nicht zu beziffern.

Nehmen wir eines der Glanzstücke der Schau, einen der weltweit auf 500 Exemplare limitierten Gehstöcke mit silbernem Schlangenkopfknauf von Lucius Malfoy. Anfänglich, gesteht der Begleittext den Besuchern, habe sich die Sammlerin wegen des hohen Preises zurückgehalten: "Doch dann obsiegte ihr ausgeprägter Sammeltrieb." Sie habe das auch im Nachhinein nicht bereut.

Wohlweislich enthält sich das Museum direkter Kommentare, nach denen der Krempel geradezu schreit. "Die Leute sollen für sich beurteilen, ob sie das für gut oder für blödsinnig halten", sagt Leiterin Sabine Finweg. Faszinierend sei das Harry-Potter-Fieber allemal, habe es doch dem Lesen unter Jugendlichen einen gewaltigen Schub verliehen: "Über das Niveau der Bücher oder der Vermarktung kann man ja dann streiten."

Wer mag, kann am Ausgang in potterkritischen Büchern blättern. Von den Schülern, die klassenweise in die Ausstellung kommen, tun das die wenigsten. Sie sind begeistert von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich ihnen in Harry Potters Time-Warner-Welt noch bieten, wenn das Taschengeld mitspielt. Häufigster Eintrag im Gästebuch: "Voll cool, die Ausstellung!" 100 Prozent der Jugendlichen in Deutschland, eine empirisch fast unmögliche Zahl, kennen nach neuesten Untersuchungen Harry Potter. Nur 81 Prozent, das zum Vergleich, haben schon mal was von Gerhard Schröder gehört.

Die Ausstellung ist noch bis 4.September im Städtischen Museum Zirndorf zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr. Internet: www.zirndorf.de/museum.

Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b051010.

Achtung: Ab sofort können Sie die Fotos direkt im Internet herunterladen unter !

(Artikel vom 21.07.2005)